Helmuth Schönauer bespricht:
Markus Köhle
Arbeiterkind
Gedicht

Ein Kind wächst in Tirol im falschen Tal und in einer falschen Umgebung auf. ‒ Literatur in ihren tiefsten Zügen ist immer auch Zeitgeschichte, Karrieregeschichte und Zaubergeschichte der ausgestreuten Träume.

Versetzen wir uns probehalber in das Jahr 1975 zurück, in dem der Autor Markus Köhle geboren wird als Arbeiterkind, was durchaus als Adelsprädikat in der damals Aufbruchs-stimmigen Republik gegolten hat. In der Literatur wird um diese Zeit vor allem das Langgedicht herangezogen, um im Sound einer poetischen Eloge das eigene Schicksal, die Zeit, und den Sinn des Lebens zu besingen. Als Paradebeispiel für dieses Genre wird oft Westwärts 1 & 2 (1975) von Rolf Dieter Brinkmann herangezogen.

Der literaturhistorisch bestens ausgebildete Autor und anerkannte King of Poetryslam tritt in seinem Buch vom Arbeiterkind als Barde auf, der in unermüdlichen Stimmungseinlagen und Geschichtsdeutung als Prompt nichts anderes vorhat, als anhand seines Lebens zu beschreiben, wie man mit der Punzierung Arbeiterklasse in Tirol eine Karriere als Randerscheinung des Lebens und der Literatur schafft und allmählich feststellt, dass dieses Programm nicht das schlechteste ist, wenn man sich ihm anvertraut.

In seiner vom Poetryslam geschulten Rhetorik zwischen Groteske und Süffisanz, legt der Autor seinen prosaischen Gesang in drei Abschnitten an.

– Wo kommst du her? / Je nach dem wer fragt (7)
– Keine Klassismusdebatte / Ersetzt den Klassenkampf (45)
– Wir haben uns / Wir können uns / Gern haben (81)

Das solcherart chronologisch gegliederte Gedicht vom Arbeiterkind ist scheinbar assoziativ und spontan ausgeführt wie ein Poetry-Abend. Das angesteuerte Genre stellt das lyrische Ich ständig in Frage. Nenn’s Essaygedicht / Versroman / Prosapoem / Romanifest / SpokenWord / Sangspruchdichtung / Gattungsbastard / Lyrik / Wenn’s hilft, wen zu erreichen / Aber nenn die Dinge beim Namen. (10)

Beim Namen genannt werden dann die Dinge, die einem Kind in Tirol widerfahren, wenn das ganze Land in Aufbruchstimmung und Prosperität ist, der Vater voller Stolz daran mitarbeitet und dabei seine Gesundheit verliert, während das Kind schließlich hinaus in die Welt zieht, die offensichtlich eine germanistische ist, wie man sie dazumal als Modestudium allenthalben hochzieht.

So ist der Text ein Versuch, mehrere Welten als Biographie zusammenzubringen, das Ich kann bei dieser Gelegenheit Irrtümer und Sackgassen ungeschminkt ans Tageslicht fördern und sich selbst zu einem Objekt einer Selbststudie machen.

Aus kleinen Text-Pixeln, die mit X überschrieben sind als Hommage an die Generation X, lassen sich schier unendlich viele Geschichten erzählen, die freilich auch ihren Preis haben. X / Seit ich von meiner Familie erzählen will / Wird mir von meiner Familie nichts mehr erzählt / Mit Selbstschutz hat das nichts zu tun / Mit Selbstwertgefühl schon (101)

Die einzelnen Sequenzen sind Summarys von Studien, dabei erweisen sich manche Zeilen als so markant, als ob sie künftig auf Denkmälern Platz nehmen wollten.

Ich komme aus einem Dorf mit viel Natur und wenig Wörtern (18)
Ich bin so klein / So unbedeutend getrimmt / Ich trau mich nicht mal / Eine Seite pro Gedicht / Zu beanspruchen (31)

So erkennt man Arbeiterkinder an der Zahnstellung, an der Art, wie sie die wenigen Kinderbücher nach Farben auf dem Spielregal aufstellen, an diversen Ritualen, wie sie gemobbt werden, indem man sie etwa freiwillig zwingt, sich in einen Spind sperren zu lassen.

Das Kind zieht eines Tages einen Schlussstrich und wendet sich jenen Aufstiegshilfen zu, die damals für Arbeiterkinder vorgesehen sind. Perform ich halt das Arbeiterkind / Perform ich halt den Aufstieg durch Bildung (64)

Mit assoziativen Querschlägern wird das Bild vom Aufstieg in Österreich durch Lesen und Studieren zersiebt. Die Leitbilder erwiesen sich als hohle Nüsse, die sich nur mehr in grotesker Überhöhung erträglich machen lassen.

In diesem aus den Fugen geratenen Panorama wackeln letztlich alle Fixpunkte; Dorfgeschichte, Fasnachttreiben, Vater Mutter Kind und schließlich, der einst so hell erleuchtete Literaturbetrieb versinken hinter einer gereiften Sicht wie beim grauen Star.

Vor allem die literarischen Karrieren als Arbeiterkind erweisen sich als Trugbilder Herzmanovskyschen Ausmaßes.
Längst Dichter geworden gehen die meisten literarischen Preise wortlos am ehemaligen Arbeiterkind vorüber, mit diesem Begriff ist nichts mehr zu gewinnen. 

Das Resümee fällt wie bei Elegien üblich melancholisch aus. Was nicht verjährt / Ist Herkunftsscham / Die findet immer Wege (121)

Markus Köhle mag sein lyrisches Ich zwar mit wehmütigem Timbre ausgestattet haben, als Autor ist er nach wie vor unschlagbar grotesk-euphorisch: Die Arbeit hoch – die Stipendien höher! (125)

Markus Köhle: ARBEITERKIND. Gedicht.
Klagenfurt: Ritter 2026. 128 Seiten. EUR 21,-. ISBN 978-3-85415-708-3.
Markus Köhle, geb. 1975 in Nassereith, lebt in Wien.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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