Helmuth Schönauer bespricht:
Marie Theres Foidl
Erinnerungen der Marie Theres Foidl,
geb. v. Meer. Lacknerbäuerin 1900-1963
Mit Fotos

Im Jahr 1951 sitzt eine Mutter in St. Johann vor einem leeren Papierhaufen und beginnt mit dem Aufschreiben von Erinnerungen für ihren Sohn. Die Schreiberin ist Marie Theres Foidl vom Lacknerhof. Sie ist aus Deutschland zugezogen und will ihrem Sohn erklären, dass man auch eine interessante Lebensgeschichte haben kann, wenn man nicht aus Tirol stammt.

Die Geschichte der Lacknerhofbäuerin spielt im Saarland, Ruhrgebiet und im Bonner Raum von 1900 herauf bis 1932. Sie endet mit einer vagen Andeutung, dass die Erzählerin in Innsbruck ihren Mann kennengelernt hat, den späteren Vater des angesprochenen Sohnes.

Die Erzählperspektive ist mehrfach gefiltert. Einmal ist es die biographische Brille, die jede Kindheit in einem milden, harmonischen Licht erscheinen lässt, andererseits ist es der Blick auf die Zeitgeschichte, der umrahmt ist von unausgesprochenen Ereignissen, deren Auswirkungen auf das Jahrhundert aber mitschwingen. So wird die heraufziehende Naziherrschaft nicht definitiv erzählt, aber in der Reflexion der Familiengeschichte lässt sich hinterher zusammenreimen, aus welchen Quellen der Faschismus gespeist worden ist.

Der Schwerpunkt der Erinnerungen liegt in der Familienchronik, es soll ja erklärt werden, wo diese Familie herkommt, wie sie gelebt hat, und was sie zusammengehalten hat.

Die Geschichte der geborenen von Meer ist eine Gruben- und Bergbaugeschichte. Der Vater hat diverse Schächte im Saarland beaufsichtigt und später im Ruhrgebiet erschlossen und bergmännisch betreut. Mit diesem Beruf geht einerseits ein gewisser Wohlstand einher, andererseits ist der Bergbau eine starke Triebfeder für das politische Agieren.

Aus der Innensicht einer Direktorenfamilie wird die bergmännische Kultur geschildert, die für uns insofern recht aufregend exotisch ist, weil bei uns in Tirol ja nur das Touristische stark ausgeprägt ist. Dieser latenten Ablehnung aller Kulturen außerhalb davon stellt die Autorin ihr Bergbau-Bürgertum als eine in sich geschlossene, ritualisierte Welt entgegen. Allein der Vorgang, wie sich Zugezogene bei den Einheimischen der gleichen Klasse vorzustellen haben, eröffnet eine unerwartete Welt, den Ritualen beim Adel nicht unähnlich.

Als Richtlinie gelungenen Verhaltens gilt in diesen Kreisen eine preußische Beamtenregel: Wohnen überm Stand, Kleiden nach dem Stand, Essen unterm Stand. (22)

Diese heile Welt wird freilich durch den Ersten Weltkrieg auf den Kopf gestellt, zumal sich Saar- und Rheinland als politischer Hotspot nach Kriegsende entwickeln. Nach Revolten, Besetzungen durch die Sieger und emotionaler Aufladung der Verlierer werden hier die Sprengschnüre für den Zweiten Weltkrieg gelegt.

Die Erzählerin erfährt diese Lebenskrise elementar durch den Tod des Bruders und das Dahinsiechen des Vaters. Der Krieg fordert unabhängig vom angepeilten Stand seine Opfer.

Die Familienchronik wird in der Folge mit Kapitelüberschriften versehen, welche Ausflugsziele, Urlaube, berufliche Einschnitte, Heirats- und Sterbegeschichten beinhalten. Die Protagonisten werden bewusst in einem allgemeingültigen Licht gezeigt, die Namen sind egal wie in einem Roman, es geht um ihre Wesenszüge und die Art, wie sie mit den zugeteilten Schicksalsschlägen zurechtkommen.

Für die Heldin tut sich als Zwanzigjährige Europa als Kontinent auf, der mit dem Motorrad pfiffig bereist werden kann. Im letzten Drittel treten daher die Ziele in den Vordergrund, die mit dem Motorrad abgegrast werden. Meist ist der Bruder der Anstifter dieser Reisen, die regelmäßig in Stürzen und Verkehrsunfällen enden.

Diese Art des trendigen, unpolitischen Herumreisens in einer aufgewühlten Zeit schlägt auch die Brücke zu Tirol, wo dieser Lebensstil ja bis zum Exzess gepflegt wird, möchte man zustimmend ergänzen. Die Aufbruchsstimmung des Motorradtourismus endet mit dem lapidaren Satz. Auf der Rückreise haben wir in Innsbruck Deinen Vater kennen gelernt, aber davon will ich jetzt nicht erzählen, damit fängt ein neues Kapitel an. (358)

Die Erinnerungen von Marie Theres Foidl sind ein Heimatbuch im besten Sinne. Es schildert den Reichtum, den Menschen mitbringen, wenn sie in einem Tirol ansäßig werden, das sich selbst für die Heimat aller Heimaten hält. Die Chronik ergibt eine optimistische, abgerundete Geschichte, die letztlich Grundvoraussetzung für ein gelungenes Leben ist. 

Wer seine Erinnerungen für sich selbst ins Reine bringt, bringt auch sein eigenes Leben eine Runde weiter in Richtung Lebensglück.

Marie Theres Foidl: Erinnerungen der Marie Theres Foidl, geb. v. Meer. Lacknerbäuerin 1900-1963. Mit Fotos.
St. Johann: Verlag Hannes Hofinger 2025. 360 Seiten. EUR 29,90. ISBN 978-3-9505074-3-0.
Marie Theres Foidl, 1900-1963, war Lacknerbäuerin in St. Johann.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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