Helmuth Schönauer bespricht:
Ludwig Roman Fleischer.
Pandeminium oder In letzter Zeit
Berichte aus einem multiviralen Inferno
Artikelroman

Die wahren Helden der Zeitgeschichte sind oft Medien, die sich mit  kleinem Taschenmesser einen Weg durch den Dschungel der Meinungen schlagen. Dabei liegt die wahre Regierung über den kleinteiligen Zeitgeist meist als Impressum einer unscheinbaren Kleinzeitung auf.

Ludwig Roman Fleischer geht gegen das Zeitgeschehen literarisch mit zwei verschränkten Romanen vor. Der Buchtitel Pandeminium ist eine wundersame Verquickung von Pandemie und Minimum, die Fragestellung lautet in etwa: Was passiert, wenn Weltthemen in einer mit Geist dünn besiedelten Provinz diskutiert werden?

In einem Verschnitt von Buddenbrooks und Heidi wird als Rahmenerzählung eine Südtiroler Familiengeschichte im Mini-Format ausgerollt. Eine gewisse Livia Kontriner verlässt Stammbaum und engere Heimat, indem sie provokanten Journalismus betreibt und der Leserschaft undosiert in die intellektuelle Intimsphäre greift. Sie ist ein außereheliches Kind aus dem Ahrntal, unbedarft von einem deutschen Touristen mit einer blutjungen Bauerntochter gezeugt. Ihre Herkunft wird zum Widerstandsprogramm, das sich in einem wilden Journalismus Bahn bricht.

Zum Heimat-Medium mausert sich dabei ein Magazin namens Klatsche heraus, das an manchen Tagen außerhalb Südtirols häufiger gelesen wird als innerhalb der vier Talschaften des mehrsprachigen Tourismus-Wunderlandes. Die Redaktion setzt sich aus Mitschreibenden aus allen Gegenden des Landes zusammen, als begnadete Geburtsorte für diesen Journalismus werden Ahrntal, Sterzing, Meran, Wolfsberg, Zicksee, Wien oder Landeck genannt.

Nach diesem Kurzroman über eine fiktive Mediendynastie in Südtirol kommen als Innenschale der Journalisten-Schatulle knapp fünfzig Essays zum Vorschein, die im Gestus des Groß-Feuilletons große Themen durchaus stringent grotesk abhandeln. Relativiert wird dieser große Freigeist freilich durch diverse Leserbriefe, die nach einem aufwühlenden Artikel in der Redaktion eintreffen und für tumultartige Diskussionen sorgen.



In diesem Arrangement zwischen Travestie (großer Tamtam über eine kleine Sache) und Parodie (Herabwürdigung einer großen Sache) werden jene Themen aus jüngster Zeit abgehandelt, die uns scheinbar überall auf der Welt bewegen, wenn sie als Weltnachrichten daherkommen. Putin, Pandemie, Black Lives Matter, Gaza oder Wokeness werden scheinbar logisch abgehandelt, oder zumindest so aufbereitet, dass wir glauben können, dass die Dinge so laufen. Doch dann entwickeln diese fiktiven Essays einen grotesken Dreh, der die Geschichte jeweils aus den eigenen Angeln hebt.

Die raffinierte Dramaturgie dieser Weltessays ermöglicht es Redaktion und Leserschaft, dass beide ausgeglichen bei null landen. Denn es gibt immer gleich viel Für und Wider, sodass alles auf das berüchtigte null zu null hinausläuft, das uns nicht nur im Fußball meist in tiefe Depression versetzt.

Manches lokale Ereignis wird dabei zur Routine, sodass man es versuchsweise mit Künstlicher Intelligenz bearbeiten kann, wie etwa den Abgang einer Mure oder den Versuch eines Basti-Kanzlers, sogenannte Message-Control zu installieren.

Man liest flanierend so dahin, denn die Zeitung wird schon wissen, was für einen gut ist, und plötzlich stellt sich heraus, dass die Zeitung offensichtlich nur mehr in Österreich in gewissen Kreisen gelesen wird. Der Roman erzählt im hinteren Drittel quasi den Untergang der Zeitung und seiner selbst. Der Sinn von Zeitung und Roman scheint nämlich zu sein, dass beide den Zeitgeist verändern, bis sie selbst überflüssig sind.

Ludwig Roman Fleischer gelingt es mit den Berichten aus dem multiviralen Inferno vortrefflich, Literatur und Medien an die Möglichkeit der Selbstauflösung heranzuführen.

Das Ende ist irgendwie zwingend: Livia Kontriner betritt die eigene Mutterschaft, um den Stammbaum in die richtige Richtung treiben zu lassen. Opfer dieser Reproduktion ist die Zeitung, sie wird mit einem ironischen Adieu stillgelegt.
Unseren Leserinnen und Lesern herzlichen Dank für Interesse und Unterstützung. Wir haben so gut wie nichts erreicht oder bewegt, aber zumindest haben wir nicht nichts gemacht und uns auch nichts gedacht.

Ludwig Roman Fleischer: Pandeminium oder In letzter Zeit. Berichte aus einem multiviralen Inferno. Artikelroman.
Klagenfurt: Sisyphus 2025. 262 Seiten. EUR 15,80. ISBN 978-3-903622-00-5.
Ludwig Roman Fleischer, geb. 1952 in Wien, lebt in Wien.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Schreibe einen Kommentar