Helmuth Schönauer bespricht:
Klaus Ebner
GLUT
Legende vom Woher und Wohin
Roman
Reflexionen
Hintergrundinformationen zu GLUT
Essay
Ein fettes Buch gleicht in der Literatur im Idealfall einem Dom, an dem unaufhörlich gebaut wird. Im Alltag hingegen geht es bei diversen Gesprächen über Leibesfülle darum, den Umfang schön zu reden und auf ein medizinisch erträgliches Maß zurückzuschrauben.
Ein Bibliothekar wird bei seiner Arbeit als Ombudsmann für die Leser beide Aspekte im Auge haben:
a) Grenzenlose Bewunderung für ein haptisch, zeitlich und thematisches Projekt, und
b) Maßnahmen, wie man dieser Masse und Menge begegnen kann, bis hin zur Magenverkleinerung fürs Lesen.
Die Bewunderung für fette Bücher führt bei Bibliothekaren regelmäßig zu pragmatischen Einschätzungen. Die drei Hauptgründe, warum ein dickes Buch in einer Bibliothek stehen sollte sind:
– Funktion als Buchstütze: ein standfestes Buch verhindert das Umfallen einer ganzen Bücherzeile;
– Lese-Stele: das dicke Buch überragt alle dünnen und fungiert als Stele, Reiter oder Knoten im Regal;
– Vorort-Denkmal: da Bücher ab einer gewissen Breite nicht mehr zum Lesen nach Hause mitgenommen werden, müssen Gespräche darüber vor Ort stattfinden, so wie man ja unter einem Kaiserdenkmal gerne über den Kaiser spricht.
In der Bibliotheksausbildung werden eigens Module angeboten zur Bewältigung großer Werke. Dahinter steckt immer die Animation der Leser, sich jeweils für ihre Epoche einen speziellen Umgang zu Großwerken zu erarbeiten.
Bei Peter Weiss konnte man in der Ästhetik des Widerstands (1971-1981) sehen, wie eine Ideologie durch Bildungseuphorie entsteht, bei Thomas Pynchon konnte in den Enden der Parabel (1973) über das Element Hypertext die beinahe religiöse Analyse der Postmoderne gelehrt werden, und über Vermittlung des Tiroler Unternehmers und Visions-Philosophen Daniel Swarovsky konnte man in den Schriften des Abdrushin (1949) lernen, wie in der Provinz beinahe jedes Werk eine eigene Religion anregen kann.
Kurzum, jedes große Werk wird nur dann groß, wenn es eine begleitende Metaebene ermöglicht.
Klaus Ebner lässt sich mit seinem Roman GLUT auf dieses Abenteuer ein, das aus einem fetten Roman und aus einem hundertseitigen Begleitessay besteht. Wer es sich zeitlich leisten kann, sollte unbedingt beides in die Hände nehmen, um zu begreifen, was Gedanken bedeuten können, wenn sie über die Lesehände mit dem Körper kommunizieren.
Im Roman GLUT geht es um beinahe metaphysische Erlebnisse, in einer Kurzbeschreibung wird GLUT (in Kapitalschrift) als etwas beschrieben, das mit der Entdeckung des Feuers zu tun hat. Und mit der dabei entstehenden Glut kommt für die Menschheit eine Empfindung auf, die durchaus als Entdeckung einer Religion kommuniziert werden könnte. Groß wie der Untertitel ist auch das thematische Feld: Legende vom Woher und Wohin.
Grob gesprochen handelt es sich um einen Schöpfungsbericht, den der Autor aus wissenschaftlichen Quellen und der Kraft der Fiktion entwickelt hat. Die Glaubwürdigkeit müssen sich dabei die Leser selbst verschaffen, indem sie ihre eigenen Erfahrungen mit Schöpfungsberichten auf GLUT legen.
In der modernen Denke könnte GLUT etwas sein, das der Quantenmechanik ähnelt: es verändert sich, während man es schreibt oder liest. Das Buch ist GLUT,(R61) heißt es in den Reflexionen zusammenfassend.
In den Reflexionen werden die heiklen Punkte angesprochen, die im Sinne des Autors transparent gemacht sind. So könnte eine zitierte Schrift durchaus auch hypothetisch sein, dann wäre sie statt eines Faktums eben ein Erzählmittel. (R26)
Im Essay wird ein Hauptstrang mehrmals aufgegriffen, nämlich der Zusammenhang zwischen Wort, Schöpfung, Religion und Mythologie. In einer linearen Form unseres Kulturempfindens entsteht daraus die Geschichte des Buches.
Darin erzählt der Autor unverblümt, was sich heutzutage alles in den Weg stellt, bis ein Buch fertig ist. In seinem Fazit bricht er eine Lanze für das Book on Demand (95). Immerhin hat er fünfunddreißig Jahre an seiner Glut gearbeitet und Kapitel mehrfach umgeschrieben.
Das Original sollte man während der Lektüre des Essays nie aus dem Auge lassen und fallweise Kapitel aufsuchen, wie man eben den eingangs zitierten Dom besucht.
Umfangreiche Bücher braucht es vor allem für die Themen Science Fiction, Mystery und Legende. Alle drei Anwendungen sind heutzutage durch KI gefährdet, wenn nicht gar überflüssig gemacht. Denn so sehr ein Kapitel für einen Autor Sinn macht, weil er es aus der Schreibgenese heraus empfindet, so zufällig und halluzinierend wirken diese ausgeführten Texte für Leser, die nicht den richtigen Track erwischt haben.
Ein beliebiges Beispiel auf S. 35 zeigt eine Hauptfigur, wie sie sich in jener Natur bewegt, über die bald die Flut hereinbrechen wird. Nach diesem Prompt wäre es letztlich egal, von welcher Seite sich wer welcher Wiese nähert und etwas spricht, solange er keine Erzählfehler macht und sich beispielsweise die Abwehrmaßen gegen Flut auf einer App herunterlädt.
Ausgemalte Literatur wirkt oft romantisch, vor allem aber meditativ oder Mantra-ähnlich, die Literatur schlüpft dabei leicht in die Rolle einer Untermalung von Thesen. (Das Problem mit der Fiktion in Vorzeiten zeigt die These, dass man ausgestorbene Tiere letztlich nicht nachklonen kann, weil das passende Biom dafür fehlt. Das nachgebaute Mammut scheitert an seinem fehlenden Darminhalt. Die Fiktion scheint ähnlich gelagert zu sein.)
Klaus Ebners Erzählleistung besteht im Durchhalten, Analysieren, Zitieren und Neugierigsein auf die Quanten, die sich rund um das Buch auftun.
Ein einmaliges Buch braucht immer auch eine einmalige Rezension, heißt es im Bibliothekswesen. Der Autor hat sich diese selbst geschrieben, indem er der GLUT den Essayband Reflexionen fakultativ ins Regal liefert.
Um die Geschichte des Buches in die Zukunft zu transferieren, braucht es wahrscheinlich nur drei Dinge:
– Das Buch als File im Netz,
– einen Kommentar oder eine Rezension, die der KI zur Verfügung gestellt wird,
– ein haptisches Original, das ähnlich dem Pariser Urmeter gekühlt und steril in einer Bibliothek aufgestellt wird.
Richtig bemerkt: Von Lesern ist weit und breit keine Rede mehr.
Klaus Ebner: GLUT. Legende vom Woher und Wohin. Roman. Hamburg: BoD 2025. 496 Seiten. EUR 36,-. ISBN 978-3-6951-2618-7 /Klaus Ebner: Reflexionen. Hintergrundinformationen zu GLUT. Essay. Hamburg: BoD 2026. 103 Seiten. EUR 10,-. ISBN 978-3-6963-6566-0.
Klaus Ebner, geb. 1964 in Wien, lebt in Schwechat.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen
