Helmuth Schönauer bespricht:
Janus Zeitstein
Auf Marterpfaden
28 Erzählungen
14 Graphiken
Zuerst liest man aus einer vagen Erinnerung heraus von einem Marterpfahl, aber dann schärft sich der Blick nach und es löst sich der Begriff Auf Marterpfaden vom Cover. Janus Zeitstein spielt in seinen 28 Erzählungen kunstvoll mit diesem Nachjustieren der Wörter, dem Nachsetzen des Blicks und dem Nachfassen auf eine Formulierung.
Mit dieser Methode bleiben die Dinge immer in Schwebe, aber sie lassen sich geduldig aus verschiedenen Blickwinkeln erfassen, und das Geschaute ist in jenem Augenblick wahr, an dem man mit dem Schauen aufhört.
Die Erzählungen führen durch geheimnisvolle Pforten aus der halbwegs realistischen Welt hinaus in das Reich von Fantasie, Märchen, Kunst und Traumwelt. Wenn man zwei Meister zitieren sollte, die diesem verblümten Erzählstil nahestehen, so ist es vielleicht Robert Walser mit seiner jähen, unschuldigen Art, ein Blatt zu beschreiben, der vor allem für solche Petitessen Pate steht. Anderseits winkt natürlich Jorge Luis Borges als Chef der verwinkelten Erzählgänge und phantastischen Verwicklungen aus der Ferne.
Die erste Erzählung Blätterbeschreiben im Baum (7) lässt sich dann gleich programmatisch lesen. Ein Erzähler voller Geistlosigkeit besteigt eines Tages eine Platane vor seinem Zimmer, um endlich die Natur allumfassend zu beschreiben. Mittels einer Füllfeder, geladen mit botanischer Tinte, versucht er einzelnen Blättern etwas einzuritzen, wie man es sonst vielleicht mit einem Notizbuch praktiziert.
Zwischen der Absicht, der Schrift und dem Blatt herrscht schließlich absolute Harmonie, was dem Idealzustand des Schreibens recht nahe kommt. Mittendrin tauchen die entscheidenden Fragen auf, die letztlich alles schreiberische Tun beflügeln: Wo war ich? Wer war ich?
Die anschließende Erzählung Snowfondue (13) greift nach ähnlicher Strategie jenen Gedanken von Konzeptkünstlern auf, wonach die Planung eines Kunstwerks als Konzept die Ausführung mit Materialien überflüssig macht. Im Stile von Gourmets hocken Schneekünstler beisammen und degustieren den Schnee, den sie vielleicht gerade aus der Schnee-Retorte haben ausspucken lassen. Und tatsächlich sitzen Winter für Winter in den Alpen Tausende Schneeexperten über die Pisten gebeugt und degustieren das Weiß der Pisten, auf dem Touristen wie eingeworfene Fondue-Bröckchen schwimmen.
In einem dritten Schritt verdichteten Erzählens pressen Wissenschaftler, halb Künstler, halb Geschäftsleute, in typischer Alpenpose Öl aus Sonnenlicht. Dieses Sonnenöl (19) eignet sich für alle Geschäfte, die einen goldigen Schimmer in sich tragen, sei es das touristische Öl auf der Haut, das Reisen inspirierende Kraftfutter im Tank schwerer Bikes, oder das zarte Öl auf der Leinwand, das fette Rendite verspricht.
In der Folge sind entlang des Marterpfades die Essays aufgebaut wie die sprichwörtlichen Marterlen entlang von Pilgerwegen. Dieser Lesepfad verlangt naturgemäß Anstrengung und den Willen zur geistigen Fortbewegung, anderseits folgt die Belohnung dieses Essay-Parcours auf dem Fuß, denn jedes Erzähl-Marterle löst beim Lesen einen kleinen Hormonschub aus wie Bonbons in einem Adventkalender.
Die Überraschungen reichen von schrägen Einsichten zu Sprichwörtern, leicht umgebauten Heilsgeschichten und upgedateten Binsenweisheiten bis hin zu handfesten Gedächtnis-Texten, wenn etwa des hundertsten Todestages Franz Kafkas gedacht wird. Im Mittelpunkt seines Originaltodes 1924 und des Gedächtnisses hundert Jahre später steht eine unergründliche Maschine. (57)
Manchmal genügt schon die Ausrufung eines wundersamen Namens, um eine Geschichte über Sein und Zeit in Gang zu bringen. Der Held Honig Teufelhorn ist sich seines schrägen Namens durchaus bewusst und überlegt daher jeden Tag, ob das Erlebte zu seinem Namen passt, den er als paradoxes Rätsel (25) vor sich herträgt. Aber so sehr sich die Tage auch bemühen, in Zeitlosigkeit zu zerrinnen, stets schaut das Vergangene vorbei und hat eine seltsame Botschaft auf Lager. Das Vergangene schien still zu flüstern: Ich bin nicht fort. Ich bin nicht hier. Ich bin nur das, was du mit dir trägst. (42)
Im Gänsegeier (89) wird das Phänomen der Pareidolie angesprochen, auf das sich Postmoderne und Eklektiker gleichermaßen stürzen, geht es doch in beiden Fällen um das Phänomen, in Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter oder vertraute Gegenstände zu erkennen.
Im Anderl vom Inn (92) versucht ein Held aus einem Hörfehler mit dem Anderl von Rinn Gewinn zu ziehen. Die längste Geschichte der Sammlung ist deshalb so lang, weil sie das Konzept der Konzeptkunst zu wörtlich nimmt. In Mariella und die weißen Elefanten am See wird zuerst ein Konzept von der weiten Welt als Story entwickelt, ehe sich die dazu notwendigen Notizen (227) eigenständig organisieren und das soeben Erzählte durch Fragmentieren dekonstruieren.
Eine Prophezeiung aus dem Zeitenloch (305) korreliert schließlich mit einer Gegenüberstellung der Zeitlosigkeit bei Peter Handke und John Cage. (335) Der verrückteste Erzählansatz ist auch der durch Trivialität Absurdeste: Ich drehte den Schlüssel um und die Welt war weg. (159)
Janus Zeitstein schmückt die Marterpfade mit graphischen Labe-Stationen. 14 Graphiken, also eine pro zwei Erzählungen, sind in einem Verzeichnis als eigenständige Werke angeführt und laden zur Extrabegutachtung ein. Sie tragen Titel, die eingedampften Konzepten gleichen: Erkenne / Rand des Wahnsinns / Pforte ins Nichts / Das geheime Tirol.

Janus Zeitstein: Auf Marterpfaden. 28 Erzählungen. 14 Graphiken. Wien: Edition Sonnberg 2026. 340 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-9505692-2-3.
Janus Zeitstein, geb. 1955 in Hall in Tirol, lebt in Wien.
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