Helmuth Schönauer bespricht:
Friedrich Hahn
Peter Petermann
Oder:
Wir sollten unbedingt miteinander reden.
Roman

Wer ständig mit Fiktionen zu tun hat, leidet besonders heftig am eigenen Körper, wenn dieser analog als Schmerz eine unerwartete Kommunikation beginnt.

Die Romane von Friedrich Hahn stellt man sich am besten als Galerie vor, in der jedes Jahr ein zwei neue Werke hinzu gehängt werden, die sich auf das bereits aufgehängte Werk beziehen. So entsteht ein Oeuvre, das in der Thematik beständig selbstreflexiv angelegt ist, in der Ausformung aber aktuell auf die Farben und Nuancen des jeweiligen Schöpfungsjahres eingeht.

Der Roman „Peter Petermann“ handelt von einem schreibenden Ich, das es in der eigenen Haut nicht mehr aushält und sich neu erfindet. Peter Petermann wird vom Ich-Erzähler als Pseudonym, Nachlassverwalter und poetischer Konkurrent installiert und hat vorläufig nur eine Aufgabe: Dem Schreiber beim Verlassen der Schreiberei zu helfen.

Der Erzähler ist gegen Jahresende 2023 in einer doppelten Schmerzhaftigkeit eingefangen, die Schulter muss repariert werden und die Tochter erlebt ein familiäres Desaster, verweigert aber jeglichen Kontakt zum Vater. Die Literatur hingegen nützt für beide Schmerz-Sorten nur wenig, auch wenn sich der Blick der Ärztin etwas aufhellt, als die Sprache auf den Nutzen von Gedichten kommt.

Die Tochter freilich bleibt verschlossen, so sehr der Vater seine Mails auch als Gedichte formuliert. Aus dem Schmerz entsteht „Peter Petermann – Wir sollten unbedingt miteinander reden.“

Die Romane Friedrich Hahns kommen dem Idealzustand der Literatur sehr nahe. Ein Autor beschreibt in der Schmerzsensibilität eines Karl Ove Knausgaard beinahe minutiös sein Leben in einer Rentneratmosphäre zwischen verlöschenden Terminen, Vorabendserien begleitet von beiläufigen Snacks aus der permanenten Werbung. Gegliedert wird dieser Medienkonsum von zufälliger Lektüre, die kurze Erhellung bringen soll wie Schmerztabletten. Fernando Pessoa stößt mit einem Satz auf: „Meine Gewohnheiten werden von der Einsamkeit bestimmt, nicht von den Menschen.“ (75)

Diesem innigen Schreiben in der Hauptstadt sitzt im Idealfall am anderen Ende des Landes ein Rezensent gegenüber und empfindet das Gelesene authentisch. Es kommt zum Zusammenschluss von Thema, Zeit und Altersweite, wie er in historischen Poetiken eingefordert worden ist.

Der Erzähler erfindet also seinen Petermann in der Hoffnung, dass auch der Gegen-Leser später einen solchen als Leser erfinden wird. Aus den Plänen entsteht Realität, das heißt in der Literatur: Fiktion.



In einer Selbsthilfegruppe ringen alsbald Petermann und sein Kreator sowie sechs Personen mit gescheiterten Literaturkarrieren darum, aus dem Ausstieg aus der Literatur einen Zutritt zur echten Welt zu gewinnen. Während die Selbsthilfegruppe aus den negativen Erfahrungen von Schreibwerkstätten, Anbiederungen an Verlage und prekären Leseauftritten eine Art Literaturgeschichte zusammenstellt, entsteht die Idee, diese zusammengetragene neue Wirklichkeit als Realität zu inszenieren. Aus Petermann und seiner Truppe wird das Stück „Stück.Werk“, das zur Aufführung gelangen soll.

Die KI spielt um diese Zeit erstmals eine bedeutende Rolle. Wir lesen von Horoskopen für das neue Jahr 2024, die KI-generiert sind, Dichter geben ihre Werke als Prompt ein, um zu neuen Werken zu gelangen, selbst die Eingabe des Schicksals der verstummten Tochter ergibt eine fertige Geschichte, die aber nichts am Schmerz verändert, mit dieser Tochter nicht reden zu können.

Je unwirksamer die Übungen werden, „die Behausung des Ichs zu beschreiben“, umso mehr drängt sich der ehemalige Aussteiger aus dem Literaturbetrieb wieder als Ich in den Vordergrund und drängt Petermann zurück.

„Schreiben will Leben nicht festhalten, sondern seine Verflüchtigung erträglich machen.“ (143)

Aus diesem Mustersatz speist sich vielleicht die Poetik des Friedrich Hahn, wenn er Jahr für Jahr seine Bilder in die Galerie dünner werdender Jahresringe stellt. Und gegen Ende hin blinkt eine Erkenntnis auf, die zeigt, welche Kräfte vermutlich hinter jedem gelungenen Werk arbeiten. „Er wollte nie Schriftsteller werden.“ (160) Ein Satz ist wahr, wenn er gegen sich selbst verwendet werden kann. Für den Rezensenten lautet er folglich: Er wollte nie Leser werden.

Die Kommunikationsversuche des Peter Petermann enden in radikaler Erkenntnis. Wir können kulturell wertvolle Sätze in Podcasts, über KI, Schreibwerkstätten, Romane und Theaterstücke zum Zeitvertreib hin und her schicken, wir können aus Lesen und Schreiben aussteigen oder nicht, der Schmerz an der Schulter oder der Verlust eines Angehörigen wird von diesen Übungen nicht berührt. „Wir sollten unbedingt miteinander reden“ bleibt eine Beschwörungsformel.

Friedrich Hahn: Peter Petermann. Oder: Wir sollten unbedingt miteinander reden. Roman.
Maria Enzersdorf: Edition Roesner 2025. 164 Seiten. EUR 24,90. ISBN 978-3-9505711-2-7.
Friedrich Hahn, geb. 1952 in Merkengersch / NÖ, lebt in Wien.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Schreibe einen Kommentar