Helmuth Schönauer bespricht:
Alois Schild
Illusionsreserven
Hrsg. von Tamara Schild

In der Rezensionstechnik gilt eine Empfehlung, wonach man aus Respekt vor dem Kunstwerk Superlative nur ironisch verwenden soll. So ist auch die Behauptung zu verstehen: Alois Schild gilt in Tirol als der Künstler mit dem größten Verkehrswert. Diese Anspielung beruht auf der Tatsache, dass an ein paar wesentlichen Verkehrsknoten und in Kreisverkehren Tirols tatsächlich Skulpturen von Alois Schild aufgestellt sind.

Durch den permanenten Transitverkehr weit über Tirol hinaus bekannt geworden ist Alois Schild hingegen mit dem kopflosen Engel, der vom Treppenturm des Klärwerks Radfeld aus schräg den Transitierenden zuwinkt.

In manchen Essays wird diese Ikone des Fortschritts als subtiles Mahnmal geachtet, in anderen wird vor allem der mit Seilen gesicherte schräge Humor der Statue gelobt. Dahinter steckt vielleicht ein Diktum Herbert Achternbuschs, wonach sich der Künstler so lange in einer Landschaft aufhalten soll, bis man es ihr anmerkt.

Im Kompendium Illusionsreserven sind neben den Bildern eines umfangreichen Lebenswerks ein paar Zugänge zu den Skulpturen, Performances und metallenen Manifesten angeführt. Denn wie beim sogenannten Oeuvre üblich, lässt das Wirken des Künstlers für jede erdenkliche Kunstsparte eine eigene Deutung zu.

Die Germanisten schwärmen beispielsweise von der Poesie der Titel, mit der die oft LKW-großen Stücke Schilds liebevoll benannt sind. Der Buchtitel Illusionsreserven lässt in dieser Hinsicht ganze Diskurse über die Mannigfaltigkeit von Poesie zu. Politische Beobachter heben immer wieder das große Herz für Benachteiligte und Migrierende hervor, wenn etwa das Aufstellen des sogenannten Obdachlosendenkmals zu einem Manifest wird. 

Und Fachleute des akademischen Kunstbetriebs bewundern vor allem die Leichtigkeit der Logistik, die hinter den voluminösen Gebilden steckt. Unter Logistik fällt hier freilich die soziale Empathie des Künstlers, mit der er an die wirtschaftliche Elite des Landes herantritt, denn seine Künste brauchen immer wieder Raum, Grundstücke, Kreisverkehre, Fassaden und schwere Kräne, um die Kunst an die Öffentlichkeit zu bringen.

Alle diese Zugänge stecken in den Essays, die das große Bilderbuch des Lebens begleiten. Die Bibliothekare schließlich schwärmen über die sorgfältige Gestaltung des Buches, im Abspann sind sogar Auflagenhöhe, Schrifttype und Papierqualität verzeichnet. – Liebevoller kann man nicht um die Zuneigung der Archivare werben, sie mögen das Buch durch die anstehenden Jahrhunderte tragen.

Kunsttheoretisch liegt viel in scheinbaren Nebensätzen verborgen, was den Performance-Plastiker ausmacht. Sein Schlüsselerlebnis ist die Begegnung mit Bruno Gironcoli, der ihn in einem verkürzten Verfahren in seine Meisterklasse aufnimmt. Und das Ende seines Studiums ist auch bezeichnend: Als plötzlich Seminare für Steuerrecht und Subventionsansuchen angeboten werden, ist es für den Studenten Zeit, sich für reif zu erklären und nach Hause nach Kramsach zu fahren.

Drei markante Entwicklungen sind im Werkband hervorgehoben:
a) die Arbeit mit Fundstücken aus der Brandenberger Ache
b) die Arbeit mit dem eigenen Körper, der Teil des Werkes wird
c) die Arbeit mit der Umgebung, der durch das Kunstwerk ein kontemplativer Mittelpunkt gegeben wird.

Die Geräte aus der Ache ziehen sich wie ein metallener Faden durch das Werk. Während früher alles organisch war, was nach Hochwässern von der Ache angespült wurde, sind es in der Kindheit des Autors vor allem Kriegsrelikte und erste Verhöhnungsstücke der Natur.

Wärend etwa der Brache-Künstler Lois Weinberger am Rand der Zivilisation der Natur freien Raum gibt, indem er sie als Pionierpflanzen wuchern lässt, bekennt sich Alois Schild offen zum schmerzhaften Diskurs mit der Natur, indem er ihre Formen und Schleifen in eine metallene Signalsprache übersetzt, bei der die Oxydation eine wesentliche Rolle spielt.

Ein Kunstwerk dieser Bauart ist nie fertig, weil die Natur ständig ihr Schleifpapier daran ansetzt. Fallweise wird das Rosten und Reparieren zu einem eigenen künstlerischen Akt, wenn etwa das Obdachlosendenkmal mit einer Schulklasse der Umgebung restauriert wird, inklusive Einführung in das Wesen von Kunst, Aufschrei und Gelassenheit.

Obwohl sich Werkstatt, Wohnsitz und Familie fix in Kramsach befinden, ist Alois Schild natürlich ein internationaler Künstler, der sich durchaus auch in Korea oder Japan sehen lässt. Die Parallelführung des Bandes in englischer Sprache weist darauf hin, dass man in den Skulpturen des Künstlers immer einen Standpunkt und eine Ausstrahlung voraussetzen kann.

Das Lesen eines Bildbandes braucht stets einen gehörigen Schub von Kontemplation, die sich manchmal als pures Auflachen äußert, wenn wieder etwas Verrücktes am Auge vorbei zieht. – Zum Beispiel die Geburtenregelungsmaschine aus dem Jahr 1987. (S. 46)

Alois Schild: Illusionsreserven. Hrsg. von Tamara Schild. Mit Beiträgen von Bettina M. Busse / Gert Chesi / Elsa Delage / Günther Moschig / Benedikt Stegmayer / Hannah Stegmayer / Horst Schreiber / Mike Watson. Abbildungen.
Wien: Verlag für moderne Kunst 2025. 336 S. EUR 38,-. ISBN 978-3.-99153-208-8
Alois Schild, geb. 1960, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Wien bei Prof. Gironcoli, lebt in Kramsach.

Fotorechte:
Gesichtsarmatur 1985; Foto Gert Chesi
Stolperstück 2003; Foto Marcantonio Marino

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Schreibe einen Kommentar