Helmuth Schönauer
Bernhard Kathan
Zufälle, Einfälle, Fügungen
Ein Ausstellungskatalog zur Ausstellung
vom 9.5. bis 14.6.2026 in Bregenz
Besprechung

Das größte Museum des Kontinents befindet sich irgendwo in den Alpen und kann aus aller Welt aufgerufen oder gar besucht werden. Sein Markenkern nennt sich Hidden Museum und wird quasi täglich neu von Bernhard Kathan provoziert, installiert und archiviert, wie es sich für ein echtes Museum gehört.

Hidden Museum fußt auf der Überlegung, dass in allem ein Museum steckt, wenn man es als solches deutet. Jeder Gegenstand kann einem höheren Zweck zugeführt werden, wenn man ihn bei Gebrauch als Museumsobjekt anspricht und katalogisiert. Aber auch Erinnerungen, Erzählungen, Fotos und Familien-Devotionalien sind durchaus Kandidaten für das Hidden Museum, wenn es wieder einmal tagt und diverse Stücke zur Disposition stellt.

Im Künstlerhaus Thurn und Taxis in Bregenz werden im Mai / Juni 2026 allerhand Objekte aus Bernhard Kathans verborgenem Alltagsschatz gezeigt. Der Titel ist dabei das Programm. Zufälle, Einfälle und Fügungen sind vielleicht als Kernthemen der sogenannten konzeptuellen Kunst zu sehen. Dabei geht es darum, dass man Kunstwerke oft gar nicht ausführen muss, wenn man sie ausreichend beschreibt. In der gegenwärtigen Diskussion um künstliche Intelligenz könnte man diese Kunstbeschreibungen mit Prompts vergleichen, die man je nach Lust und Laune ausarbeiten lassen kann oder nicht.

Das Künstlerhaus Thurn und Taxis wird anhand eines Katalogs mit Kunstwerken ausgestattet – so könnte man den Vorgang umdrehen, der hinter jeder Ausstellungskonzeption steckt. Katalog und Gebäude sind in die Kapitel Erdgeschoss, Keller, Obergeschoss, Dachgeschoss eingeteilt und geben den Kunstwerken die entsprechenden Wertekoordinaten mit auf den Weg. Was packt man üblicherweise in den Keller, was ins Dachgeschoss? ‒ Dementsprechend sind die Objekte angeordnet.

Die Kunstwerke sind von Bernhard Kathan initiiert. Als Antwort auf eine Anfrage, als Zitat, Briefwechsel oder Bauanleitung für ein Gebilde fungieren eine Handvoll Künstler und Künstlerinnen, von denen sechs als Mitautoren der Ausstellung explizit genannt werden.

So wird etwa schon beim Intro-Objekt Zufälle. Einfälle. Fügungen. Martin Breindl als Gestalter jenes Schriftzugs genannt, der einer Holzkiste mit Sägeblatt eingraviert ist.

Nicht immer sind die Mit-Künstler dem Projekt freundlich gesinnt, die Post etwa versucht den Autor zu klagen, weil er auf einem Brief den Aufdruck verwendet hat: Um die Abschaffung ihres Briefverkehrs bemüht. Ihre Post.

Manche Ausstellungsobjekte greifen bereits anhand des Kataloges auf alle Sinne der Interessierten über. Im Dachboden etwa gibt es einen Einblick in die Schlachtgenossenschaft, wo unter anderem ein junger Bauer einen sechzehn Monate alten Mastochsen in den Schlachtraum führt. Auf dem rot gestrichenen glatten Fußboden gerät das Tier ins Rutschen. […] Im Hörstück aus dem ORF Kunstradio geht es um Gott, die sechs Leben der Geliebten und den Landeshauptmann, der für den Transport lebender Tiere zwecks Tötung zu sorgen hat.

Im Zentrum des Kellers hingegen singt die Klanginstallation das Lied vom Kuhstall bei Nacht, zu hören sind die Geräusche der Atmung und Verdauung. Nahezu im Gleichklang schließt ein Web-Prospekt für Leihmutter-Design an. Gibt es etwas Schöneres, als einem Kind das Leben zu schenken?

Mit dem Projekt Texturen totalitärer Herrschaft wird zuerst einmal auf die Hinterseite der Kalligraphie geschaut, ‒ was steckt eigentlich hinter schönen Schriften? ‒, um dann Erinnerungspartikel aus Mauthausen zu erschließen und das alles in die Bekämpfung böser Träume münden zu lassen. Diverse Tabletten werden in Petrischalen angezüchtet in der Hoffnung, das alles auf die Reihe zu kriegen.



Die Grenzen des Vorstellbaren sind auf geheimen Beipackzetteln mit von der Partie. Es ist nie gewiss, ob das Kunstwerk auch gelingen wird, wenn es in den Rezeptionsbereich der Betrachter gerät. Wie will man etwa Stille zeigen, die von allen sehnlichst erwünscht wird, weil sie nicht darstellbar ist?

Umgekehrt erklärt das Wesen der Dreifaltigkeit ein hölzernes Schaudreieck, wie es manche noch aus der Grundschule einer entlegenen Kindheit kennen.

Und selbstverständlich streift jedes Kunstwerk mehr oder weniger an die Aura der Ironie an. Der Museumsdirektor als Dromedar geht in die Knie und lässt den großen Herrn, die Klapperschlange, absteigen.

Das Geheimnis des Hidden Museum wird in dieser Ausstellung heftig angesprochen, aber keinesfalls gelöst.
Kunstwerke im eigentlichen Sinn sind hier nicht zu sehen, nur Artefakte von Projekten, die mit Mitteln der Kunst auf diese oder jene Weise durchgeführt wurden. Die meisten der hier erwähnten Projekte waren nicht als Kunst erkenntlich. Bernhard Kathan in der Präambel.

Bernhard Kathan: ZUFÄLLE. EINFÄLLE. FÜGUNGEN. Mit Martin Breindl, Günter Gstrein, Jeannot Schwartz, Saba Skabernè, Andrea Sodomka, Günther Zechberger u. a. Katalog zur Ausstellung vom 9.5. bis 14.6.2026. Bregenz: Künstlerhaus Thurn und Taxis 2026. [o.S.]
Bernhard Kathan, geb. 1953 in Fraxern, lebt in Innsbruck

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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