Helmuth Schönauer
Bernhard Hüttenegger
Die Ameise Amelie
Eine Fabel
Besprechung
Meist steckt eine doppelte Botschaft hinter dem sogenannten Spätwerk eines Autors. Einmal ist es die literarische Information, die von den Texten ausgeht, und zum anderen der späte Glanz, der beim Schreiben in jener Aura entsteht, in der eigentlich schon alles gesagt ist.
Bernhard Hüttenegger greift die Fabel als Erzählform ferner Kindertage auf, um mit einem abgeklärten Plot das erfüllte Leben eines nahezu bedeutungslosen Schicksals zu erzählen.
Die Ameise ist eine treue Schicksalsgefährtin des Menschen, denn auch sie ist jeden Tag gefordert, zwischen individuellem Schicksal und Staatsauftrag hindurch zu lavieren. Der Auftrag der literarischen Ameise ist im hinteren Klappentext ironisch aufgehellt: Eine Fabel für noch nicht Verbiesterte jeden Alters.
Auf den ersten Blick ist das Leben der Ameise scheinbar wie eine Deklinationsübung zum Auswendiglernen angelegt.
– Amelie arbeitet in der Fabrik Ameisenhaufen und kriegt es mit Erschöpfung, Mobbing und gewerkschaftlicher Solidarität zu tun.
– Jäh bricht ein Krieg mit den schwarzen Waldameisen aus und mündet in einer furchtbaren Schlacht an der Kartoffelstaude.
– Amelie gelingt die Flucht mit einer Samenkapsel, die einem Papierdrachen oder einer Drohne gleich ähnlich weite Strecken zurücklegen kann.
– In einem wüstenähnlichen Neuland sind bereits allerhand Individualisten versammelt, sei es der Borkenkäfer als Pionier für neue Pflanzenkulturen oder der Direktor eines Flohzirkus, der eine intelligente Insektenkolonie managed.
– In der neuen Welt wird auch die Ameisenstruktur neu ausgerollt, man könnte von einer Digitalisierung des Ameisenwesens sprechen, indem sich der moderne Ameisenstaat als Screen aus Pixeln von individuellen Ameisenleibern präsentiert.
– Auch in der aufgewühlten neuen Welt ist ein Zur-Ruhe-Kommen möglich, wenn man auf das Leben zufrieden zurückblickt.
– Der Zirkusdirektor verrät Amelie und den Lesern seinen letzten Wunsch: Eine Schwalbe müsste man sein!
Hinter dieser Bilderbuchgeschichte aus Text verbirgt sich eine Beschreibung der aufgewühlten Nachrichtenlage der Gegenwart, freilich für das ewige Archiv aufbereitet durch Entschärfung der Alltagsbrisanz.
Indem etwa gegenwärtige Kriege mit dem Kampf um eine Kartoffelstaude verglichen werden, wird der Schrecken formatiert für die Endlagerung in der Geschichte. Moderne Medien entwickeln sich zurück auf die ursprüngliche Doppelhelix der evolutionären Nachrichtenverbreitung. Der analoge Ameisenhaufen wird Sinnbild für die digitalisierte Welt, in der gerade der Stecker gezogen worden ist, sodass das Gewusel des Staates jäh zu einem Ameisenfriedhof eingefroren ist. Die Drohnen moderner Kriegsführung sind letztlich eine recht plumpe Weiterentwicklung elementarer Vorgänge, wie wir sie in der Genetik der Einzeller, Pilze und Insekten ausmachen.
Von der höheren Warte des Alterns aus betrachtet, liefert der Ameisenhaufen Sinn und Erklärung durch seine geradezu kontemplative Erscheinungsform. Bernhard Hüttenegger hat seine kleine Fabel als Gruß an seine Leser verfasst und dabei nicht mit Lebenserfahrung gespart.
Das Spätwerk bringt selten etwas übertrieben Neues, außer der Erkenntnis, dass alles schon gesagt sein sollte, wenn man sich literarisch in den letzten Lebensabschnitt aufmacht. Das ideale Spätwerk ist so gestaltet, dass man es wie eine kulturelle Veranstaltung an einem Abend bewältigen kann, um dann rastlos zur Ruhe gekommen in einen tiefen Schlaf zu verfallen.
Das Spätwerk knüpft an die Neugier erster Leseerfahrungen an, an Bilderbücher, Märchen, Fabeln und Witze. Oft genügt es, die sogenannte Weltliteratur mit den Augen eines Kindes vor der ersten Leseerfahrung zu lesen, um sie jeden Abend neu in überschaubaren Portionen zu begreifen.
Die Amelie-Fabel ist voller Leuchtkraft und Ironie. Denn die Ameisenkultur endet in einem touristisch-gastronomischen Irrweg. Überall werden geröstete Ameisen angeboten als letzter Schrei gegen die Vergänglichkeit der Welt.
Die Ameisen sollen das Ende der Individuen hinauszögern, indem sie einen letzten Sinn versprechen. Die Alten aßen sie (die Ameisen) , um jung zu werden. (55)

Bernhard Hüttenegger: Die Ameise Amelie. Eine Fabel. Althofen: Verlag Ploder 2024. 60 Seiten. EUR 12,-. ISBN 978-3-902343-55-0.
Bernhard Hüttenegger, geb. 1948 in Rottenmann, lebt in Wien und Kärnten.
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