Helmuth Schönauer
Bernhard Hüttenegger
Der Himmel über Donegal
Gedichte und kurze Prosa
Besprechung

Was für ein beeindruckendes Resümee: Epitaph // Er schlief mit offenen Augen / und träumte / was er sah (21)

Bernhard Hüttenegger zeigt mit seinem Alterswerk, worauf es bei der Literatur an der Schwelle zum endgültigen Archiv ankommt. Es braucht vor allem schmale Texte, die bereits gereift und eingekocht sind, um die Leser mit dem Sukkus eines dichten Schriftstellerlebens vertraut zu machen. Die Kunst des Alterswerks besteht darin, den Lesern zuzumuten, dass sie die vorgeschlagenen Gedankengänge selbst weiterführen. In der Sprache der KI formuliert könnte man von Gedichte- und Prosa-Prompts sprechen, die einen fiktionalen Denkprozess inklusive Halluzination auslösen.

Der Himmel über Donegal setzt sich aus den beiden Segmenten Gedichte und kurze Prosa zusammen. Die Grenzen zwischen den beiden Genres sind fließend, ein Gedicht könnte durchaus als Prosazelle funktionieren und umgekehrt.

Der Titel des Buches geht auf die irische Stadt Donegal zurück, worin das lyrische Ich einen Aha-Moment der Zeitlosigkeit erlebt, indem die Haare ausgehen und die vitalen Funktionen wie Neid und Eitelkeit jäh verschwinden. 

Dieser Wendepunkt egomanischen Empfindens ist mit dem Titel gebenden Gedicht aus dem Jahr 1996 umschrieben.
Überhaupt sind die Texte lose mit Datum und Entstehungsort versehen, sie umspannen letztlich ein halbes Leben und sind thematisch an das Schreiben, Altern und Vergehen geknüpft.

So wird das fragile Wesen der Lyriker beinahe schelmisch kleinlaut vorgestellt. Lyriker // sind klein und zierlich / vor allem selten / haben womöglich Silberhaar / und lustige listige oder tiefgründige / Augen / manchmal auch / ein verschmitztes Lächeln / Sie reden leise, fast akzentfrei / von den ewigen lautlosen Detonationen / der Dinge / und wollen ununterbrochen gestreichelt / werden /6)

Freilich erzeugen sie dabei ein Knistern, das beim Zusammenknüllen der Manuskriptblätter Hellhörigkeit aufkeimen lässt. (8)

Das lyrische Ich grast seine Lieblingsplätze ab, wobei Himmel, Bibliothek oder die für Gedichte obligaten Vögel durchaus gleichwertig neben einander stehen als Orte der Sehnsucht, in die man tappt wie in eine Zeitfalle. (33)

Aufhorchen lässt eine Fügung, wonach das lyrische Ich die Geschichte vom Finsterwald zu Papier bringt, die es inklusive Titel wörtlich geträumt hat.

Eine Würdigung besonderer Dichter wie Hemingway oder Brautigan leitet über in das deklarierte Hauptthema Älterwerden (52). Du sitzt einfach da / und schaust in die Luft / wie nach einer langen Reise / weiß man nicht / wohin man eigentlich gehört / Ab und zu / hebt man den Blick / Alles Himmel / Alles hat man gewollt / Vieles lohnt nicht mehr / Vieles wird nicht mehr kommen / Fast hat man schon genug // Herbst 2004

Im Vergleich zu den abgesackten Seelenbildern für eine intrinsische Lebensgestaltung wirken die lakonischen Geschichten des zweiten Teils geradezu dynamisch. Manche dieser Szenen, Dialogfetzen und abgerissenen Handlungsaufforderungen ließen sich zu ganzen Büchern ausbauen, aber das Wesen der Lakonie verbietet jegliches üppige Beiwerk.

Der Ich-Kommentator erklärt bei dieser Gelegenheit, dass er selbst ein lakonisches Leben zu führen gezwungen sei, weil ihn eine chronische Muskelerkrankung zum Leben in kurzen Sätzen zwinge. Mit der Zeit habe sich diese Kürze auch auf das Denken übertragen, das man ebenfalls als lakonisch beschreiben könnte. Überhaupt lässt man alles Überflüssige weg, wenn die Lebenszeit knapp wird. (62)

In der Folge setzen die Kürzest-Geschichten oft damit ein, dass ein straffer Gedankengang auf eine ausufernde Wirklichkeit trifft, die diese Schärfe der Gedanken sofort zu vereinnahmen versucht durch Lethargie. Im Roman, bei Lesungen oder in Rezensionen geht es in der Folge darum, sich diese Kernschärfe nicht von der blassen Alltagsgeschichte verwässern zu lassen.

Der Literaturbetrieb gerät dabei leicht aus der Spur, wenn er etwa aus Versehen ein Hätschelkind zum Preisträger kürt, oder einen anderen, der Puder auf die Wände stäubt, zu einer kreativen Erscheinung ausruft.

In selbstironischen Zwischenrufen sind ein paar Szenen notiert, in denen Autor und Gegenüber wie alte Hasen der Literaturgeschichte einander Bonmots zurufen in der Hoffnung, dass daraus Literaturgeschichte entstehen möge. Dabei trinken sie etwas Schnaps und prosten einander zu.

Die Beschreibung der Text-Sammlung lässt sich bestens mit jenem Epilog abschließen, der zur Vorsicht gleich zu Beginn des Bandes platziert worden ist, falls Leser nicht weit genug kommen sollten in der Lektüre. Epilog // Die Dichter sterben aus / die Lemuren bleiben über / und die Frauen / lieben nach wie vor / die Sieger (11)

Bernhard Hüttenegger: Der Himmel über Donegal. Gedichte und kurze Prosa. Althofen: Verlag Ploder 2026. 123 Seiten. EUR 12,-. ISBN 978-3-902343-57-0.
Bernhard Hüttenegger, geb. 1948 in Rottenmann, lebt in Wien und Kärnten.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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