Helmuth Schönauer
Armer Kerl muss
in Malaysia schwimmen.
Stichpunkt

Der Tiroler Schwimmer und Vize-Europameister Simon Bucher ist am Montag nach Malaysia aufgebrochen. Dort trainiert er einen Monat lang mit dem malaysischen Nationalteam. Seine Trainingsstätte in Innsbruck lässt er hinter sich. Denn in Tirol wartet die Schwimm-Szene nach wie vor auf ein 50-Meter-Becken.
[red, tirol.ORF.at/Agenturen 20.1.2026]

Die Sportberichterstattung muss ähnlich wie in der Kultur auch dann noch etwas liefern, wenn nichts los ist. So müssen oft Verletzungen der Sportler dazu herhalten, Sponsoring-Verträge wenigstens mit einem schmerzverzerrten Gesicht abzuwickeln, wenn dies schon nicht mit einer Siegespose für ein gewonnenes Rennen möglich ist.

Regelmäßig bringen sich periphere Sportarten, um nicht zu sagen Un-Sportarten mit Presseaussendungen aller Art ins Gespräch. Sie weisen mit Nicht-Nachrichten darauf hin, dass sie ununterbrochen neue Sportstätten brauchen, weil ihre großartigen Leistungen in den alten Wirkungsstätten nicht mehr zu erbringen sind.


 

Die Meldung über einen Schwimmer, der in Malaysia seine Runden dreht, soll also vor allem Mitleid mit der Schwimm-Szene auslösen, die noch immer kein 50-Meter-Becken hat. Dieses Mitleid ist freilich schwer herzustellen, solange die meisten Kinder im Lande nicht einmal ein kleines Becken zur Verfügung haben, um eventuell schwimmen zu lernen.

Das Jammern über die fehlende Infrastruktur ist ein beliebtes Spiel, um der Politik Versprechen abzuluchsen, die diese kaum erfüllen kann. Denn immer wieder tappen politische Gutmenschen in die Falle des Mitleids mit den nach öffentlichen Mitteln Bedürftigen und versprechen das Blaue vom Himmel. Lieber einmal etwas zu viel versprochen, als einmal etwas punktgenau ausgeführt, scheint noch immer die weit verbreitete Parole zu sein.

Ähnliche Versprechen wie bei den Schwimmern werden auch in anderen Sportarten lukriert, indem man ständig jammert, dass die Jugend zum Training abhauen muss, weil es zu Hause nichts zum Trainieren gibt. Umgekehrt holt man sich dann beim Fußball aus aller Welt Leute für Unterklasse-Ligen zusammen, weil in Tirol offensichtlich so gute Trainingsbedingungen herrschen. Und auch internationale Vereine sind in den Sommermonaten gern gesehene Gäste auf jenen Trainingsplätzen, die man sonst der heimischen Jugend vorenthält.

Der ORF-Tirol macht diese Spielchen gerne mit, weil diese Nicht-Nachrichten viel Emotion erzeugen und außerdem bequem zu handhaben sind. Die Promotion-Meldungen werden nämlich direkt ins Haus am Rennweg geliefert und können ohne Arbeitsaufwand ausgestrahlt werden. Nichts scheut der ORF Tirol nämlich so sehr wie eine Recherche, bei der man vor die Haustür gehen müsste.

Das Mitleid mit dem Schwimmer in Malaysia hält sich übrigens zusätzlich in Grenzen, wenn man einen Schwenk vom Sport hin zur Kultur macht. In der Kultur nämlich ist der Exodus in manchen Sparten geradezu vorprogrammiert. Obwohl wir nämlich mehrere Theater und Opernhäuser in der Landschaft herumstehen haben, wird der Auftritt heimischer Künstler im eigenen Land ziemlich profund abgeblockt.

Von heimischen Autoren gar nicht zu reden, für die heimische Kulturhäuser zu Lebzeiten meist tabu sind. Wer will schon einheimischen Künstlern zuschauen, wenn sie tagsüber kellnern und abends auf die Bühne des Landestheaters kraxeln?

So gesehen ist das fehlende Becken vielleicht ein Glücksfall für den Schwimmer in Malaysia, denn dort hat er sicher das Publikum, das in Tirol schwer an den Beckenrand zu bringen ist. Und der Sinn von Sport, Kultur und Politik besteht ja nicht selten explizit darin, zur Abendunterhaltung Nicht-Nachrichten zu generieren.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Schreibe einen Kommentar