Helmuth Schönauer
Zwangswerbung für Zwangsbelästigte
Stichpunkt

Als letzter stabiler Faktor in einer völlig aufgeregten Nachrichtenwelt gilt mancherorts noch der öffentlich rechtliche Rundfunk. Mit diesem Medium, das durch seriöse Recherche der Wahrheit stets zum Durchbruch verhilft, glaubt man den sogenannten Populisten Paroli bieten zu können.

In Tirol besteht dieses Paroli-Bieten darin, dass man ständig gute Laune sendet, hingegen gravierenden Themen wie etwa der Ignoranz der Agrarier-Urteile durch die Landesregierung aus dem Weg geht. Gute Laune für gut gelaunte Leute – das ist Tirol.

Nervig wird dieses Konzept durch die Tatsache, dass dies alles mit der Gebührenpflicht den unfreiwilligen Kunden aufs Auge und Ohr gedrückt wird. Um die Posten im Landesstudio zu sichern, wird auch noch rund um die Nachrichten Zwangs-Werbung gesendet, meist aus halböffentlichen Bereichen wie Kammern, Flughafen oder aus der Pharmaindustrie.

Wenn du als Zwangskonsument von Radio Tirol wirklich Pech hast, kriegst du pünktlich zur Staumeldung noch drei Werbeschaltungen aufs Ohr gedrückt, die alle die Lieblingsbeschäftigungen der Tiroler ansprechen: Fliegen, fressen, scheißen.

a)
Während die gut 200.000 betroffenen Anwohner des Airports nicht mehr wissen, wie sie sich in den Wintermonaten die Ohren zuhalten sollen, spuckt der Flughafen Innsbruck schon die Sommerwerbung aus. Ab nun geht es günstig in alle Länder, die am Meer liegen.

Offensichtlich ist die eine Abteilung des Flughafenmanagements damit beschäftigt, mit Anrainern halbwegs ein Auskommen zu finden, während die andere diese Anrainer vorausblickend mit einem erweiterten Sommerangebot beschallt und verschreckt.

Der Flughafen wird von der öffentlichen Hand betrieben, und es ist rechtlich nicht lupenrein, wenn dieser mit öffentlichen Geldern Werbung im öffentlich rechtlichen Kanal macht, der bereits von Zwangsgebühren gespeist wird.

b)
Nicht minder skurril geht es bei der Ermunterung zu, endlich mehr heimisches Rindfleisch zu konsumieren. Mei Sophie, des Rindfleisch ist wieder zart! Im Werbespot wird die recht zickige Sophie von der Mutter überredet, das Vegane aufzugeben und ein saftiges Rindfleisch zu essen.

Mit dem Spot wird einerseits die landesübliche Pädagogik unterstützt, wonach zu einem authentischen Essen heimisches Fleisch gehört, andererseits bekommt die bereits öffentlich unterstützte Landwirtschaft noch einmal durch Zwangswerbung im ORF Unterstützung.

Im Sinne der Monopolwahrheit des ORF müssen auch Veganer den Fleischverzehr zumindest akustisch über sich ergehen lassen.

c)
In die Reihe der Zwangswerbung reiht sich auch die alternative Medizin ein, die gegen allerhand vorgegaukelte Wehwehchen rezeptfreies Tablettenmaterial vorschlägt. Nach einer schlaflosen Nacht fragt eine aufgeregte Stimme einen gewissen Dr. Föhn (man versteht den Namen so schlecht), was er gegen Blasenrinnen und Darmverstopfung anzubieten hat. Erst durch Radio Tirol merkst du, dass du eine schlechte Nacht hattest. Diesem Eindruck soll offensichtlich durch Werbung für diffuse Medikamente sofort abgeholfen werden.

Quatsch-Quetsche

Bilanz

Die Zwangsbeglückten ärgern sich, weil es ungehörig ist, über Werbung aggressiv jene Themen zu bespielen, die im Alltag des Zusammenlebens mühsam austariert werden müssen.

Dazu gehören:
– Flughafen als Ärgernis versus Mehrwert
– Ernährung vegan versus Fleisch
– Medizin wissenschaftlich versus verschwörungstheoretisch.

Wir Zwangspublikum werden nie Freunde mit jenen werden, die uns Zwangssendungen und Zwangswerbung vorsetzen.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Schreibe einen Kommentar