Helmuth Schönauer
Wohnungslos in Innsbruck
Oder:
Die Wellness-Tour der großen Herzen
Stichpunkt

Der Verein für Obdachlosigkeit publiziert die angeblich erste Untersuchung über die harten Fakten zu Obdachlosen und anderen Helden auf der Straße.

1.
Je spektakulärer, umso seriöser wird der Eindruck, den diese Ziffernfolgen machen – wird man sich gedacht haben. Und so schaffen es zwei Zahlen in die Headline dieser bedrückenden Nachricht: 1.246 Menschen in Innsbruck wohnungslos, davon 133 Kinder [red, tirol.ORF.at; 12.07.26]

Das geschulte Nachrichtenhirn sortiert die Zahl gleich ordnungsgemäß ein, es handelt sich also um ein Prozent der Bevölkerung, das sich mehr oder weniger legal in Innsbruck aufhält und die Statistik-Tabelle wohnungslos ausfüllt.

Regelmäßig kommt es zur Publikation solcher Erhebungen, wenn sie den Markt für Mitgefühl aufrütteln sollen, wie meist im Herbst, wenn ausländische Studenten mit der Inskription nicht automatisch eine Wohnung zugeteilt bekommen und so oft demonstrativ campen oder im Schlafsack demonstrieren.



Diese Zahlen werden aber auch veröffentlicht, weil diverse Sozialeinrichtungen jährlich einen Leistungsnachweis erbringen müssen, um nicht aus dem Subventions-Cluster zu fallen.

Wenn auch die aktuelle Untersuchung nach EU-Richtlinien durchgeführt worden ist, bleibt für gewöhnliche Innsbrucker unklar, wie das genau vor sich geht.

Werden die Obdachlosen ähnlich gezählt wie die Vögel im Frühjahr, wenn jeder aus dem Fenster schaut und jeweils auf der App meldet, wie viele Vögel im Garten zwitschern oder brüten? Werden einfach diverse Ansuchen zusammengezählt und mit Listen für Mietzuschüsse verglichen? Und wie kommt man auf eine Einschätzung, wonach 133 Kinder als wohnungslos erfasst sind? Handelt es sich dabei um jene, die vom Jugendamt von zu Hause abgeholt worden sind und jetzt irgendwie wohnungslos in Sozialeinrichtungen untergebracht sind?

Gegen Ende der Botschaft wird dann noch eher verschämt darauf hingewiesen, dass es sich letztlich um genau und lediglich 175 Personen handelt, die im öffentlichen Raum hausen. Das sind wohl jene klassischen Prekären, die im Stadtbild wohnen und dieses nach Lesart des deutschen Bundeskanzlers negativ beeinflussen.

Eine gegenderte Aufschlüsselung ergibt noch den Hinweis, dass es zu einem Dreiviertel die Männer sind, welche von Wohnungslosigkeit geplagt werden. Verschämt und abschließend muss die Untersuchung eingestehen, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen nicht aus der EU stammt.

2.
Aus diesem Zahlenmaterial wird regelmäßig ein Appell geflochten, endlich mehr sozial leistbare Wohnungen zu generieren. Dabei konterkariert sich dieser Appell je nach Jahreszeit in sich selbst.

Wenn im Herbst um Studentenwohnungen geworben wird, so nimmt man in Kauf, dass diese auf Kosten der Stammbewohner der Stadt umgewidmet werden sollen. Wenn man zwecks sogenannter Integration für Migrationswohnungen wirbt, nimmt man in Kauf, dass man die Stammbelegschaft einer Wohnanlage erst recht auf die Palme bringt. Und über all dem Zahlenwerk und Appell-Dschungel steht die nüchterne Tatsache, dass Innsbruck, was die Einwohner betrifft, stets auf dem gleichen Level bleibt.

3.
Vielleicht sollte man auch einmal eine Lanze für den Wohnungsmangel brechen, denn dieser hält sich zum Unterschied vom Asylwesen an das Gesetz, nämlich an den Markt: Wenn eine Wohnung einmal vergeben ist, kann sie kein zweites mal belegt werden.

In Diskussionen wird dabei nie auf die entscheidende Frage eingegangen: Wer hat eigentlich das Recht, in Innsbruck seinen Meldezettel aufzuschlagen und auf die Zuteilung einer Wohnung zu warten? Die Begriffe wohnungslos in einer Stadt oder Obdachlosigkeit sind insofern willkürliche Parameter, als es ja der Urheber selbst ist, der seine eigene Wohnungslosigkeit auslöst.

Jeder von uns ist nämlich überall auf der Welt zuerst einmal wohnungslos, erst wenn er in einer x-beliebigen Stadt der EU auf das Amt geht, wird er dort als wohnungslos registriert. Wenn ihm das Amt zuhört, ist es sehr nett von diesem, aber es entsteht kein Rechtsanspruch.

4.
Ein Prozent Wohnungslosigkeit ist übrigens in jedem System und in jedem Land üblich und im Bereich der sozialen Messunschärfe. Wer dieses Prozent spontan bereinigen will, indem er etwa über Nacht Wohnungen zur Verfügung stellt, hat am nächsten Tag ein neues Prozent vor der Amtstüre stehen, das dann auch wieder Wohnungen will.

Ein großes Herz am Wohnungssektor kann auch zum Desaster führen, wie uns die Migrationskrise gezeigt hat, indem man plötzlich alle Werte und Ordnungen über den Haufen geworfen hat und sich später fragen musste, warum die Gesellschaft nicht mehr mitmacht bei dieser Wellness-Tour der großen Herzen.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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