Helmuth Schönauer
Vierte Gewalt
Was unterscheidet ARD und ORF?
Stichpunkt
Wenn im Tiroler Tourismus mehr als die Hälfte der Nächtigungen auf Deutsche fallen, an der Uni Innsbruck in manchen Segmenten die Hälfte der Professoren und Studenten Deutsche sind, wenn am Fernpass die Hälfte aller Verkehrsunfälle von Deutschen produziert werden, dann lohnt es sich schon aus Gründen der Marktbeobachtung, deutsche Podcasts und TV-Kanäle zu konsumieren.
Wenn man bei diesem Mediengenuss noch die Zauberformel ins Spiel bringt, wonach alle in Deutschland genannten Zahlen das Zehnfache der Österreichischen sind, dann fühlt man sich wie zu Hause, was anlässlich der gemeinsamen Geschichte der beiden Länder manchmal schon als gefährliches politisches Outing ausgelegt wird.
Beim politischen Vergleich zwischen Deutschland und Österreich stößt man unter anderem auf das Phänomen öffentlich rechtlicher Sender, die in beiden Ländern als staatstragend eingestuft sind, unterlegt mit dem Pathos, dass es in einer funktionierenden Demokratie der Medien als sogenannter vierter Gewalt bedarf, die Legislative, Exekutive und Judikative kontrolliert.
Aber spätestens bei der Anwendung dieser vierten Gewalt tun sich Welten auf.
Während die österreichische Variante des öffentlich Rechtlichen völlig im Sumpf von Zwangsgebühr, politisierenden Stiftungsräten, selbstheilenden Intendanzen, devoten Künstlern und am Boulevard zugekauftem Journalismus verblubbert, treibt die deutsche Variante gerade ihre Regierung vor sich her.
Unter wissenschaftlicher Begleitung hat die ARD (Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland) eine Volksbefragung durchgeführt, was die Deutschen zur Zeit am meisten quält. An erster Stelle liegt dabei das Gefühl, dass es vollkommen ungerecht zugeht im Land. Und auf die Frage, was man dagegen unternehmen könnte, liegt der Ruf nach einer Erbschafts- und Vermögenssteuer wiederum an erster Stelle.
Jetzt muss man wissen, dass dieses Thema genau die Bruchlinie ist, an der die Regierung aus Konservativen und Sozialdemokraten auseinanderbrechen wird. Gleichzeitig rauscht die rechte AfD (Alternative für Deutschland) in lichte Höhen der Prognosen.
Wenn der öffentlich rechtliche Rundfunk unter dem Aspekt der Information ein Thema dermaßen politisiert, dass die Regierung quasi entmachtet ist, weil sie das Thema irgendwie aufgreifen muss, um zu scheitern, dann gerät die Idee der Vierten Gewalt zumindest ins Wanken.
Dass die ARD wahrscheinlich ihre Kompetenzen überschritten hat, erklärt ein Witz, der im politischen Deutschland herumgeistert: Die Sozialdemokraten liegen bei einem Wähleranteil von zehn Prozent, das sind genau so viele Menschen, wie im öffentlich Rechtlichen angestellt sind.
Dieser Witz lässt sich ausnahmsweise 1:1 auf Österreich übertragen, wo die SPÖ auch bei zehn Prozent herumbablert, wie es im Volksmund heißt, aber im ORF in allen Gremien die Mehrheit stellt. (Bis hin zu den Künstlern, die laut IG Autoren zu hundert Prozent links sind.)
Am Auftritt der Ober-Medien lässt sich dann freilich doch noch ein kleiner Unterschied zwischen Deutschland und Österreich feststellen. Während die einen mit dem Faktum gesicherter Befragungszahlen durchs Land ziehen und zumindest in der Regierung Aufruhr verbreiten, stürzen sich die österreichischen Medienkünstler in den sexuellen und persönlichen Infight. Jedes Pöstchen hat sein Skandälchen, wie es eben der österreichischen Mentalität entspricht.
In Vorausahnung des Anschlusses hat Jury Soyfer 1936 diese österreichische Stimmung zu einer apokalyptisch anmutenden Hymne verdichtet.
Gemma halt a bisserl unter
mit tschin-tschin in Viererreihn
immer lustig frech und munter
gar so arg kann’s ja net sein.
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen
