Helmuth Schönauer
Städtetourismus boomt trotz Hitze.
Stichpunkt

Bei dieser Hitze über dem Kontinent werden die Städte wohl überall leer sein, möchte man meinen. Dem ist aber nicht so. Je heißer der Kontinent, umso mehr ist seine Bevölkerung in Bewegung, als wolle sie sich durch den Fahrtwind des Reisens ein wenig abkühlen. 

Städtetourismus boomt trotz Hitze! Diese flugs ausgegebene Parole soll vor allem beruhigen. Denn das Konzept ist genial. ‒ Wenn es dir in der einen Stadt zu heiß ist, fahr einfach in die nächste.

1.
Da dem Klimawandel auf die Schnelle nicht mit romantisch-grünen Methoden beizukommen ist, machen die Menschen in der heißen Gegenwart das einzig Richtige: Sie tapsen von einer Klimaanlage in die nächste.

Wer sich etwa wundert, warum an einem heißen Nachmittag die Busse in Innsbruck voll sind, braucht nur ihre Benutzer nach dem Grund für ihre Mobilität zu fragen. Ich fahre jeden Tag einmal durch die Stadt und lass mich von der klimatisierten Öffi-Atmosphäre abkühlen.

Wenn schon die Einheimischen schlau genug sind, um der urbanen Hitze zu entgehen, um wie viel schlauer sind dann erst Touristen, die quer durch den Kontinent unterwegs sind, um sich in jeder Stadt coole Hotspots zu Gemüte zu führen. Tatsächlich lässt es sich bequem von einer kühlen Zone in die nächste reisen, sofern man nicht die Deutsche Bahn benützt. Mit dem österreichischen Klimaticket kann man beispielsweise den ganzen Sommer lang frisch wie ein Deo unterwegs ein. Denn nicht nur die Railjets sind eine coole Sache, auch die Hotels haben alpine Air-Condition.

Mittlerweile sind sogar die Almhütten mit W-Lan ausgestattet und klimatisiert. Denn diese beiden Sachen gehören untrennbar zusammen: Wo W-Lan, da Klimaanlage! Nicht umsonst verlangt die künstliche Intelligenz bereits nach eigenen Kraftwerken, um stets auf Betriebstemperatur heruntergekühlt zu sein.

Die geplanten Speicherkraftwerke der TIWAG dienen letztlich der Künstlichen Intelligenz und deren Kühlung.


 

2.
Der ideale Sommer findet also in gekühlten Verkehrsmitteln und Hotels statt. Wetter war einmal, denn niemand geht bei dieser Hitze noch irgendwo ins Freie. So erklärt sich die Tatsache, dass beinahe alle Freischwimmbäder kaputt oder geschlossen sind. Denn es ist unfinanzierbar, in Hitzezeiten für ausreichend heruntergekühltes Wasser zu sorgen. Und wer unbedingt Wasser mit Sommer in Verbindung bringen möchte, hat dazu in den Wellnessanlagen der Hotels ausreichend Möglichkeit.


3.
Ein Blick auf die Geschichte des Städtetourismus zeigt, dass die vier klassischen Gründe, eine Stadt aufzusuchen, heutzutage durchaus im Netz virtuell abgearbeitet werden könnten.

Denkmalzone
Die Denkmäler können über das Handy einwandfrei besucht werden, zumal sie alle mit einem QR-Code ausgestattet sind, der jedes Detail des aufgesuchten Objekts beschreibt. Statt früher Postkarten, schickt man heute den QR-Code an die Liebsten.

Verwaltungszone
Die amtlichen Gänge, die früher regelmäßig in der Bezirksstadt fällig wurden, lassen sich heute mit der ID-Karte absolvieren, ebenso die Bankgeschäfte. Gleiches gilt für Bildungsveranstaltungen, die früher in oft abgewetzten Bauten abgewickelt wurden und heutzutage mit der App erledigt werden.

Einzig medizinische Notfälle müssen manchmal noch mit dem Originalkörper in der nächstbesten Stadt absolviert werden, aber mit der E-Medikation wird auch das bald der Vergangenheit angehören.

Kontakt mit Einheimischen
Früher einmal stieß man in den Wohnvierteln der Städte tatsächlich auf Bewohner, die sich im Öffentlichen Raum zeigten. Seit alle in den klimatisierten Arealen unterwegs sind, lassen sich analog keine Menschen mehr antreffen. Und da zudem alle unterwegs sind, gibt es auch keine Einheimischen mehr, die man aufsuchen könnte.

Slum und Obdachlosigkeit
Früher einmal machte es bei Obdachlosigkeit Sinn, die Stadt zu wechseln und dorthin zu fahren, wo es ausreichend soziale Unterstützung, wenn nicht gar eine Wohnung gab. Seit jede Stadt in Europa ein ausgewiesenes Obdachlosen-Viertel hat, bringt es nichts, die Stadt zu wechseln, weil die Not-Container überall die gleichen sind.

So machen letztlich Obdachlose und Touristen die gleiche Erfahrung: Es ist egal, wo du gerade bist, es ist überall alles standesgemäß.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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