Helmuth Schönauer
Sprachoberhäupter
Stichpunkt

Die Staatsoberhäupter deutschsprachiger Länder redeten im September in Innsbruck ohne Dolmetscher.

1.
In einer Zeit voller Sanktionen, feindlicher Aktionen und hybrider Kriegsvorbereitungen ist es schon eine Nachricht wert, wenn sich Staatsoberhäupter treffen, um die gemeinsame Sprache in natura anzuwenden, ehe diese durch KI gänzlich zu einer pragmatisch durchgestylten Programmsprache wird.

Auf dem Weg ins Forum Alpbach, wo größenwahnsinnige Floskeln ausgetauscht werden, kommt es zu einer Begegnung, die es wahrscheinlich nicht in die Geschichtsschreibung schaffen wird, dazu ist das Event einfach zu putzig angelegt.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und seine Ehefrau Doris Schmidauer haben Dienstagmittag in Innsbruck Staatsoberhäupter aus Belgien, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg und der Schweiz empfangen. Den Auftakt der zweitägigen Zusammenkunft bildete ein gemeinsames Arbeitsmittagessen am Bergisel im Restaurant 1809. Das Treffen steht unter dem Motto ‚Zusammenhalt in Europa‘.

Teilgenommen haben neben dem Gastgeber Van der Bellen:
– Belgiens König Philippe,
– Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier,
– Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein,
– Großherzog Guillaume von Luxemburg,
– der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin.
Auch deren Ehefrauen waren bei dem Treffen in Tirol dabei. 
[red, tirol.ORF.at; 1.Sept.2026]



Neben viel Fachsmalltalk, wie man ihn auch bei Seniorenausflügen ehemaliger Topleute zu hören bekommt, fahren die Staatsoberhäupter auf einen Gletscher, um diesen pathetisch von dieser Welt zu verabschieden.
Das österreichische Staatsoberhaupt verfällt als ehemaliger Grüner dabei mit weinerlicher Stimme in einen gekünstelten Kaunertaler Dialekt.

2.
Das letzte Mal in innigem Fachaustausch standen die Staatsoberhäupter übrigens bei der finalen Ratifizierung der Rechtschreibreform. Diese wurde zur Jahrtausendwende verabschiedet, nachdem sie ein Vierteljahrhundert lang verhandelt wurde. An dieser Rechtschreibreform kann man gut das Wesen fachlicher Zusammenarbeit studieren.

Ursprünglich zur Vereinfachung der Regeln gedacht, manche verwendeten schon das Wort Orthographiebürokratie, kam ein Kompromiss heraus, der das Gegenteil der ursprünglichen Absicht beinhaltete. Während man in den 1970ern noch daran dachte, soviel wie möglich klein zu schreiben, kam in den anstehenden Nullerjahren die Empfehlung heraus, im Zweifelsfall etwas groß zu schreiben, damit man sich beim Lesen leichter tut.

Inzwischen ist diese Übereinkunft deutschsprechender Staaten längst selbst ein historisches Monument geworden, das von einer brauchbaren digitalen Anwendung meilenweit entfernt ist. Und das Netz hat längst alle Rechtschreibregeln inhaliert und mit eigenen Worten überschrieben.

3.
Ein Treffen deutschsprachiger Staatsoberhäupter hätte noch am ehesten einen Sinn gehabt, wenn man dabei das in den verschiedenen Ländern unterschiedlich gehandhabte Gendern diskutiert hätte. Aber für diesen Genderdiskurs waren einfach zu viele Männer am Tisch.

Vielleicht ist das Gendern auch nur als Damenprogramm diskutiert worden und wir erfahren demnächst noch etwas von einer Innsbrucker Gender-Erklärung.

Wahrscheinlich erschließt sich der Sinn dieses Staatsbesuches überhaupt erst in Jahrzehnten, wenn es die ersten Jubiläen dazu abzufeiern gilt.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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