Helmuth Schönauer
Der ORF ist nicht reformierbar.
Die Tirol-Direktorin, weiblich, Südtirolerin und
ehemalige Schilehrerin,
kann daher ruhig bleiben!
Stichpunk
Krethi und Plethi in Tirol diskutieren momentan über den ORF. Dabei taucht immer wieder die Frage auf, ob die Leitung des Landesstudios ausgetauscht werden soll. Die einhellige Meinung: Sie soll bleiben!
1.
Das ursprüngliche ORF Publikum ist längst in zwei Hälften auseinandergefallen. Die eine hat sich vollkommen vom ÖRR (Öffentlich Rechtlicher Rundfunk) abgewendet und wartet auf die nächste Nationalratswahl, wo eine Partei aussichtsreich verspricht, das Monster ORF in einen Grundfunk zurückzubauen.
Die andere frönt dem Phänomen Ohrwurm, genießt also die Sendungen der Anstalt als Abfolge von Ohrwürmern, die wissenschaftlich gesehen dann im Hirn entstehen, wenn dieses unterfordert ist.
Einig sind sich beide Fraktionen, dass dieser ORF weder von innen noch von außen reformierbar ist. Die einen erklären sich diese Veränderungsresistenz damit, dass es bei der Budgetierung nicht um das aktuelle Budget geht, sondern um das Abwickeln einer Unmenge von Sonderverträgen, die längst das Finanzvolumen eines ganzen Ministeriums aufweisen.
Und die andern begnügen sich mit dem Fun-Faktor, den jede Art von ORF in sich trägt, wenn man nur nichts von ihm erwartet.

So ist es also Zeit, die Pluspunkte des gegenwärtigen ORF Tirol herauszustreichen, um zu begründen, dass es keiner Veränderung der Intendanz bedarf.
2.
Beginnen wir bei den Voraussetzungen für den Kopf des Hauses.
Die Direktorin erfüllt die Grundvoraussetzungen für den Job in idealer Weise:
– sie ist eine Frau
– sie ist Südtirolerin
– sie hat beim Antrittsinterview darauf verwiesen, dass sie geprüfte Schilehrerin ist
Mehr braucht es nicht, um die wichtigsten Komponenten des Landes abzudecken, nämlich gut gegenderte Kultur, Wohlwollen gegenüber dem emanzipierten Südtirol und Kompetenz beim Schifahren und Tourismus, was ja etwa 80 Prozent jeder Sendefläche ausfüllt.
Und wie bewährt sich die Landesdirektorin? Bestens. Sie schlägt keine Wellen, ist bei öffentlichem Schaulaufen patriotisch gekleidet, lässt dem Personal freie Hand, was dieses dadurch nützt, dass es für keine Reportage mehr außer Haus geht und sich alle Nachrichten zum Herunterlesen zuschicken lässt.
Und was sagt das Publikum dazu? Jeden Tag gegen Mittag gibt es Einspielungen von gelungenen Sagern, die von bärig über mega bis geil reichen. Dann kommen schon die Mittagsglocken, die einen lähmenden Frieden der Intelligenz über das Land legen.
3.
Die bisherige Arbeit der Landesdirektorin könnte man als unendliche Charmeoffensive für nichts zusammenfassen. Jede einzelne Beobachtung ergibt ein Mosaik an Stumpfheit und Lähmung, das zu einem Happy-Sound zusammengekleistert wird.
Stündlich wird vom Fernpass berichtet, dass er verstopft ist, um die Akzeptanz für den Landhaustunnel durchs Karwendel zu erhöhen. Stündlich werden Verkehrsteilnehmer aufgerufen, einen etwaigen Stau zu melden, damit die Redakteure ihre Meldungen zusammen kriegen, ohne sich etwas überlegen zu müssen.
Sogenannte Meldungen vor Ort sind schon längst KI-generiert und ohne Ortsbezug, weil inzwischen ja jeder Ort in Tirol gleich ausschaut wie der andere. Vor-Ort-Journalismus lässt sich letztlich nur mehr aus Osttirol übertragen, das als Ganzes zu einem besonderen Ort deklariert worden ist.
So schafft es die Nachricht, dass die Polizei eine Moped-Person ohne Kennzeichen angehalten hat, spielend in die Sendung, wenn sie aus Osttirol kommt.
Unter der sorgfältigen Intendanz des Hauses werden die weltweit für die Presse ausgerufenen Thementage pünktlich abgearbeitet. Zum Tag des Hofrats, der Pferdezucht oder Muttertag gibt es verlässlich kleine O-Töne. Der Muttertag ist noch gar nicht warm geworden, da kommt schon die Nachricht, dass jede zehnte Mutter in Tirol alleinerziehend ist und folglich besonders geschützt werden muss. Zwischen dem Interview mit einem Hofrat und einem Pferd besteht akustisch kein Unterschied, weil beides mit der gleichen Moderation eingepflegt wird.
Überhaupt sind die Moderierenden gut drauf ‒ allein schon wie sie schäkern, wenn das Wetter kommt, das im Sound der Kindergartenpädagogik eingesungen wird!
Das Publikum wird dort abgeholt, wo es ist, nämlich im öffentlichen Koma. Keine Sau interessiert nämlich das, was da aus dem Landesstudio gesendet wird. Aber alle zucken aufmerksam auf, wenn sie gerüttelt werden wie in einer verlorenen Unterrichtsstunde, in der einen der Schlaf überkommt.
Der einzige Ort, an dem die Produkte des Landesstudios willkommen geheißen werden, ist der Aufwachraum in klinischen Abteilungen. Es gibt nichts Schöneres, als nach einer Narkose aufzuwachen und Radio Tirol zu hören, um zu wissen: ich habe es überlebt.
Die einzig kritische Frage im Land stammt übrigens von einem Kabarettisten, als er fragt: Warum streiken die ORF-ler nicht? ‒ Weil sie es schon seit Jahren tun!
In dieser Stimmungsmelange lässt sich also die Frage, ob die Landesdirektorin bleiben soll, mit einem eindeutigen Ja beantworten. Ja, weil sie den Unsinn perfekt gestaltet. Eine bessere kriegen wir nicht. Die geheime Aufgabe besteht ja darin, möglichst viel Geräusch aus Wort und Ton zu produzieren, wobei immer wieder die Kombination Tirol und Happy fallen muss.
Außerdem ist die Intendantin instinktiv klug unterwegs, zumal sie ja bei der Regierung einen Stein in jenem Brett hat, das aus dem Bohren dicker Floskeln besteht.
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Der Cartoon ist die perfekte Symbiose von Caligula und Torberg: schimpferint, dum zahleant.