Helmuth Schönauer
Schaufeln gegen Katastrophen
Stichpunkt

Es kommt immer seltener vor, dass ein Spatenstich von der Mehrheit der Bevölkerung als sinnvoll erachtet wird. Im Falle des landeseigenen Schlösschens Mentlberg im Südwesten von Innsbruck lässt sich jedoch allerhand Sinn erkennen. Das historische Gebäude soll renoviert werden, um verschiedene Abteilungen des Katastrophenschutzes an diesem etwas dezentralen Ort zusammenzuführen. In einem Bunker im Berg soll ein Lager für Hilfsgüter herausgebrochen werden.

Angeblich sollen bislang nur ein paar Beamte gemurrt haben, dass sie jetzt an den Stadtrand übersiedeln müssen. Noch dazu in eine Gegend, die wegen der angrenzenden Justizanlage nur bedingt als fein gilt. In der Justizanstalt selbst hoffen die Insassen jedenfalls insgeheim, dass man beim Bohren der Kaverne die Richtung vergisst und zu ihnen einen Tunnel gräbt, durch den sich diverse Hilfsgüter und Waffen einschleusen lassen. (Achtung: Witz!)



Die Errichtung eines Katastrophenzentrums zeigt einen politischen und einen kulturellen Aspekt. Politisch geht die öffentliche Hand endlich ihrer Kernaufgabe nach, nämlich die Bevölkerung zu schützen und das Staatswesen aufrecht zu erhalten.

Kulturell gesehen läutet die anstehende Nutzung des Schlosses eine neue Perspektive ein. Nachdem man die Schlösser im Land alle aufwändig saniert und überall Galerien, Bühnen und Pavillons errichtet hat, dämmert es vielen, dass sich Kunst nur betreiben lässt, wenn es auch eine funktionierende Welt jenseits der Kunst gibt. 

Die Nutzung von historischen Gebäuden als Daseinsfürsorge schafft Entfaltungsflächen. Batteriespeicher, dezentrale Umspannwerke, Schließfächer, Depots für Kunstwerke – alles lässt sich in Schlössern und Burgen diskret unterbringen.

Wer da denkt, das hatten wir schon einmal so ähnlich, liegt richtig. Die sogenannte Kriegswirtschaft umfasst alle Bereiche und dient dem Zweck, über die Runden zu kommen, bis der Krieg so oder so vorbei ist.

In dieser Stimmung scheinen wir uns zu befinden, wie die Zustimmung zum Katastrophenzentrum zeigt.

Auch der weltberühmte Roman Das Schloss von Franz Kafka lässt sich unter diesem Gesichtspunkt neu interpretieren. Der Landvermesser K. hat im Schloss keinen Job gesucht, sondern wollte einfach überleben, indem er durch die Gänge flüchtete.

Was immer wir in Tirol auch machen, die Deutschen machen es zehnmal größer. Zeitgleich zum Spatenstich in Mentlberg schraubte in Berlin der deutsche Innenminister eine gelbe Amtstafel an die Bürowand: GAZ Hybrid / gemeinsames Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen

Auch diese Maßnahme wird vom Großteil der Bevölkerung mit Zustimmung goutiert. Gegen die hybriden Angriffe freilich sind die Abwehrmaßnahmen gegen Naturgewalten und Klimaveränderung beinahe putzig. Wahrscheinlich passen sie auch deshalb so gut ins Schlösschen hinein.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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