Helmuth Schönauer
Rettet die Wale
Stichpunkt

Je mehr die Welt Katastrophen- und Kriegsnachrichten produziert, umso mehr steigt das Gefühl der Machtlosigkeit verknüpft mit dem Wunsch, wenigstens eine kleine Geschichte zu einem guten Ende zu bringen.

1.
Rund um den Frühling herum, als die beunruhigenden Nachrichten aus allen Ländern sich stündlich aufschaukeln, machen die meisten Medien eine Eskalationspause und suchen eine kleine Geschichte zur Erbauung. Vor allem ein gestrandeter Buckelwal in der Ostsee liefert heuer wenn schon kein Happyend, so doch eine überschaubare Dramaturgie für Mitgefühl.

Tagelang wird dieser Wal erst gefeiert, dass er so freundlich nahe zu den Menschen geschwommen ist, ehe man merkt, dass er vielleicht krank ist oder sonst einen Defekt hat, der naturgemäß von der modernen Fischerei mit schlimmen Fangnetzen ausgelöst worden sein könnte.

Der Wal ist Dauergast in den Nachrichtensendungen, die Regierungen mehrerer Küstenbundesländer stehen Habt Acht, um den Unglücklichen zu befeuern, doch wieder ins offene Meer zu schwimmen.


2.
Aber das Gebet der Regierenden nützt nichts, zumal es sich um Deutsche handelt. Die glauben nämlich, mit Symbolpolitik und guten Worten schlimme Ereignisse aus der Welt schaffen zu können. Hier sei wieder einmal die Ikone deutscher Gutmütigkeit ins Gedächtnis gerufen, als bei der Fußball-WM in Katar 2022 die deutsche Innenministerin mit einer One-Love-Armbinde die coolen Scheichs beglückte. Während die ganze Welt über diese Geste Marke Waldorfschule lachte, ziehen die LGPT-Wellen noch immer wirkungslos über den Persischen Golf.

Auch gegen die Drohnenangriffe aus dem Iran scheint diese One-Love-Schleife nichts auszurichten, sonst hätte sie wohl schon der eine oder andere Scheich während des Bombardements ausgepackt.

Der Wal wird ebenfalls mit vielen Symbolhandlungen und Aktionismus bedacht. Die Skala reicht von Ausbaggern über Umbaggern bis hin zum Ausrufen einer Ruhezone, in der der Wal würdig sterben soll. Manche Medien berichten freilich, dass das Klagen des Sterbenden über Kilometer zu hören sei.

3.
In dieser Tiertragödie spiegelt sich unser aller Zustand wider: hilflos, traurig, und müde beobachten wir das sterbende Tier, das aufgrund seines Walgesangs wahrscheinlich demnächst Stoff für ein Libretto liefern wird.

Wenn die Physik Tatsachen geschaffen hat, nämlich dass der Wal im seichten Wasser nicht überleben kann, dann muss noch für einen Augenblick die Kunst herhalten.

Auf 3SAT gibt es eine Sondersendung mit Wal-Motiven, dabei wird vom biblischen Jona bis hin zum Moby-Dick alles aufgeboten, was sich schon einmal mit der Aura der Giga-Säuger beschäftigt hat. Der österreichische Beitrag freilich kommt in dieser literarischen Zusammenstellung nicht vor, dabei ist das Lied Rettet die Wale (2004) der Künstlerin Gustav der beeindruckendste Ohrwurm, der je über Wale komponiert wurde.

Rettet die Wale [Zitat aus dem Songtext]

Rettet die Wale, / und stürzt das System
und trennt euren Müll, / denn viel Mist ist nicht schön.

Vergeudet eure Jugend, / und sagt nicht Neger und nicht Tschusch,
und seid ihr eures Lebens müde, / legt Hand an euch und macht Schluss.

Bittet selten um Verzeihung, / und füttert Tauben im Park,
und lasst den Kindern ihre Meinung, / oder treibt sie früher ab.

Eva Jantschitsch, geb. 1978 in Graz, ist eine österreichische Musikerin und Komponistin. Sie tritt unter dem Künstlernamen „Gustav“ auf.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Otto Sagmeister

    „Rettet den Wal“
    Zu der medialen Allgegenwärtigkeit der Rettungsversuche eines sterbenden Fisches, dessen Artgenossen zu Tausenden gefangen und geschlachtet werden, drängt sich mir der Gedanke auf: Hunderte von Flüchtlingen im Mittelmeer wünschen sich ein Wal zu sein.

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