Helmuth Schönauer
ORF Tirol – Erfolg durch Bravsein
Stichpunkt
Gefühlt alle zwei Monate wird aus dem ORF-Tirol heraus eine Jubelmeldung veröffentlicht, dass der regionale Pflicht-Funk noch immer Marktführer sei und beliebt wie noch nie.
1.
Die Erfolgsmeldung, dass der ORF-Tirol wieder einmal Marktführer ist, ist ungefähr so aufregend wie eine Meldung aus dem Ziegelstadel, dass dieser abermals Marktführer unter den Justizanstalten Tirols ist.
Freilich haben die Befragungen zum Einheitsmedium hohen wissenschaftlichen Aussagewert, die Ergebnisse decken sich nämlich zu hundert Prozent mit den angepeilten Fragestellungen.
Diese Untersuchungen gleichen in etwa den berüchtigten germanistischen Arbeiten, wie sie heute noch gang und gäbe sind.
– Ist Felix Mitterer für Vierzehnjährige geeignet, und wenn ja mit welchem Stück?
– Lassen sich die Figuren Franz Kafkas gendern, und wenn ja, wird der Schrecken dann noch größer, den sie verbreiten?
– Kann man Thomas Bernhards Heldenplatz auf das 21. Jahrhundert übertragen, und wenn ja, wer ist dann der Nazi?
Nach diesen affirmativen Arbeiten, die regelmäßig zu Schüben von frischen Bachelors führen, werden auch die legendären Befragungen der Tiroler Zwangs-User über den ORF durchgeführt.
2.
Die Ergebnisse dienen einer dreifachen Ermunterung, alles sein zu lassen, wie es ist.
– Dem Landeshauptmann wird signalisiert, dass er mit der Intendantin eine treue Gefährtin an der politischen Seite hat, die mit ihm durch dick und dünn der Problemlagen geht.
– Dem Personal wird eingeredet, dass es alles bestens zur Zufriedenheit des vorgeblichen Publikums abführe.
– Und dem Publikum wird mitgeteilt, dass diese inhaltslose Kaumasse, die es soeben in Bild und Ton konsumiert, einzigartig ist.
3.
Die Intendantin lässt uns ins Nähkästchen ihrer Blackbox blicken.
Die Innen und Innen haben mit viel Spaß und Herzblut neue Formate entwickelt, damit Sie noch ungenierter die Fröhlichkeit der Tiroler Tage genießen können.
Tatsächlich moderieren manche Innen und Innen um die Wette, wer es noch kitschiger hinkriegt, die hohlen Klotzköpfe draußen an den Empfangsgeräten mit frühpädagogischem Humor zu beglücken.
So ist es mittlerweile Standard geworden, dem Wetterbericht eine paar Konsumententipps und tirolerische Verhaltensregeln beizufügen.
Jede Temperatur oder Witterung wird mit einem Prospekt unterlegt, was man heute tun könnte, wo man einen Ausflug hinmachen muss, damit man ein Patriot ist.
4.
Hier stellt sich die Frage, nach welchen wissenschaftlichen Kriterien die einzelnen Sendungen den öffentlich rechtlichen Auftrag umsetzen.
Zu vermuten ist, dass die Sendemasse im Landesstudio aus diversen Hobbys und Einzelinteressen großzügig angeheuerter Redakteure entsteht.
In einer Mini-Festschrift hat einer dieser Redakteure 2024 diese These aufgemacht.
VOM MONOPOL ZUR MEDIENFREIHEIT. EINE KURZE POLITISCHE GESCHICHTE DES RADIOS IN TIROL.
Im Blutrausch der Animation vergessen diese aktuellen Sendungsabwickler, dass manche vom Publikum keine Touristen sind, sondern Überlebende eines mit Happiness vollgeschissenen Landes, in dem die gute Stimmung mit Zwangsgebühren eintrieben wird.
5.
Wie wärs also, für diese von der Happywelle Weggespülten einfach einmal zu recherchieren, wie die Wirklichkeit für jene ausschaut, die nicht gerade Urlaub machen?
In manchen Kliniken soll übrigens Sendeverbot für ORF-Tirol herrschen, zumindest was den großen Bildschirm im Krankenzimmer betrifft.
Wenn wir sie diese verlogenen Sendungen schauen lassen, geben sie sich auf und verweigern die Genesung, sagt eine Pflegeperson ganz ungeniert.
Das Sendeverbot dient quasi der Genesung jener kaputten Seelen, die vom Rausch der Einheitshappiness gezeichnet sind.
Auf überregionaler Ebene passt dazu die Nachricht, dass der Millionärs-Frühstücksmoderator von Ö3 dieser Tage einvernehmlich seinen Vertrag mit dem Öffentlich Rechtlichen gelöst hat und sich ins Privatleben zurückzieht.
Grund: Burnout. Ausgelöst von der eigenen Sendung.
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Sehr geehrter Herr Schönauer…
…nicht zu vergessen täglich zur 19:00 Uhr-Zeitfalle ein „Event-Kaleidoskop“, von einer Villa Blanka-Charity-Schmauserei bis zu Holzpantoffel-Trachtenfrauen irgendwo im hintersten Tiroler Unterland. Und als „Zuckerguss“ die Patricia-Jilg-Elogen der Tiroler Kulturszene, die inhaltlich in ein verbales Geschweife von „einmalig“, „unübertreffbar“ und „die andere Sicht auf das Unbekannte“ abdriften.
Was Wunder dass dann die ModeratorInnen bei jeder Beitragsankündigung „Tirol“/“Tiroler“/Tirolerinnen“ reinquetschen, denn sonst würden unsere Landsleute während des Abendessens und „Tirol Heute“ eher vermuten dass sie bei einer Parodie des legendären Helmut-Zenker-Leuchtturms „Tohuwabohu“ gelandet sind.
Lieber Helmuth!
Chapeau zu Deiner zutreffenden Analyse von ORF Tirol!
Als Stiftungsrat des ORF von 2001 bis 2010 versuchte ich vergeblich, den um sich selbst kreisenden Laden zu reformieren!
Auf meine oft gestellte Frage, weshalb die Redakteure im Interesse eines fachkundigen, kritischen Journalismus nicht über fundiertes Spezialwissen verfügen müssten, erhielt ich von den Intendanten die Antwort, dies sei nicht zumutbar bzw. die bequemen Herrschaften seien inhaltliche Universaldilettanten!
Immer wieder versuchte ich den Unterschied zwischen echtem Journalismus und Entertainment zu verdeutlichen, leider erfolglos. So fährt der Sender „im Blutrausch der Animation“ fort, die Zwangsgebühren der mit „ Happiness vollgeschissenen Überlebenden“ in gesetzwidriger Weise zu missbrauchen.
Besten Gruss