Helmuth Schönauer bespricht:
Maria E. Brunner
Die Ausgewanderte
Roman
Zumindest eines steht fest: Die Heldin hat ihre Tat schon gesetzt, ehe sie jetzt über die Auswirkungen und Ursachen reflektiert.
Maria E. Brunner schöpft im ersten Teil des Romans Die Ausgewanderte aus dem großen Mythos des Mittelmeers, dem so viele tiefgehenden Geschichten und Sagen seit Jahrhunderten entstammen. Diesem großen Spiel-Raum steht das winzige Individuum gegenüber, das sich selbst zu begreifen und zu definieren versucht.
In diesem Fall ist es eine Erzählerin, die zuerst jene Geschichten ablaufen lässt, die sich Migranten aus dem afrikanischen Kontinent erzählen, ehe sie sich selbst ins Spiel bringt mit ihrer eigenen Geschichte, die sich kaum von den großen Ausgewanderten-Schicksalen unterscheidet.
Am Schluss erzählt die Ausgewanderte in Ichform ihren Aufbruch und Ausbruch aus der Welt eines Südtiroler Bergbauernhofs knapp hinter dem Brenner, der einfach abbrennt, trotz seiner 600-jährigen Konsistenz.
Der Begriff Ausgewanderte hat es in sich. Bei Goethe waren es noch unterhaltsame Abenteuer und politische Beben, die in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter versteckt sind. Für die Heldin des Romans steckt vor allem der Vorwurf des Herrn vom Berghof im Vordergrund, der es nicht verwinden kann, dass die Erzählerin ausgerissen ist, wie er es nennt. Die Ausgewanderte war nämlich als billige Arbeitskraft auf dem entlegenen Hof gedacht, ehe sie aus dem vorgesehenen Programm ausgestiegen ist.
Einmal unterwegs, sind alle Ausgewanderten gleich heimatlos, sie gleichen Pilgern, die das Pilgerziel vergessen haben und dadurch der eigenen Vergangenheit planlos ausgeliefert sind.
Es ist eine andere Welt, die da entsteht im Schreiben. […] Im Mittelmeer gibt es ein Archipel und die Leute, die in der Prosa agieren, sind fremde Figuren aus einer anderen Zeit. Aus einem anderen Jahrhundert. […] Der Kopf des Trekking-Touristen ist vollgestopft mit Bildern, die gären. (18)
Die Geschichten rund ums Mittelmeer schütteln konsequent jene Logik ab, wonach ein Schritt nach dem anderen zu erfolgen habe, die Ausgewanderten machen alle Schritte gleichzeitig, weshalb ihr Gang so monumental und erratisch ist. Über das Schweigen der Geschichte legt sich das Requiem der Poesie. (37)
Elemente von touristischen Verheißungen verkriechen sich unter Alltagsmeldungen von gestrandeten Booten, die Schicksale der Ertrunkenen legen sich mit jenen der Überlebenden an, und beides gerät in Konkurrenz mit jenen, die bereits da sind, egal ob seit Wochen oder Generationen. Die Konflikte verdichten sich zu einer Empfindungsmasse ohne Ausweg. Die Fremden atmen die Luft der Einheimischen. Das ist es. Ihre reine Anwesenheit. (85)
Die Erzählerin hört auf einer Insel den Geschichten zu, die rund um eine Bar ausgebreitet werden, in einer Schicksals-Freundschaft Ausgewanderter nimmt sie Kontakt zu Alaa auf, die gerade die Überfahrt aus Libyen überlebt hat.
Diese Alaa ist eine rare Ausnahme im Roman, die einen Eigennamen führen darf. Sonst sind es oft weiträumige Umschreibungen wie der Sizilianer oder die Neuseeländerin, die bewusst die Identitäten seltsam entfeinert darstellen, als ob jede konkrete Angabe am Status von Ausgewanderten kratzen würde. Auch die geographischen Angaben sind vage, eine Insel liegt an der Meerenge, eine andere im Norden.
In der zweiten Romanhälfte kommen Aspekte aus Michigan oder Dover ins Spiel, inzwischen hat die Ausgewanderte die halbe Welt abgegrast auf der Suche nach Fixpunkten, an denen sie ihre Erzählung festmachen könnte. In einer Sequenz über die nördliche Insel nimmt die Heldin so etwas wie eine fiktive Mutterrolle an und muss zusehen, wie sie mit den Kindern nicht zurecht kommt.
Und über allem thront der Berghof der Kindheit, dem sie in der Art von Findelkindern zugeteilt worden ist als Arbeitskraft, und den Stammbaum und Eltern ersetzen soll mit der Behauptung, bei einem Erbhof zu sein.
Die fragmentarisch angeführten Verwandten gehen elendiglich zugrunde an Einsamkeit und Krankheit, kein Wunder, ist doch das Leben an ihnen vorbeigelaufen wie die Eisenbahn, die unter dem Berghof in einer Kehrschleife verschwindet.
Der Roman ist in elf Kapitel abgespeichert, wobei seltsamerweise das achte Kapitel übersprungen wird. Diese Zählweise deutet darauf hin, dass auch die numerische Ordnung aufgeschmissen ist, wenn es um den Zustand der Ausgewanderten geht. Das letzte Kapitel ist in einer dichten Ich-Komposition gehalten und verfällt allmählich in jene magische Prosa, in der sich die äußeren Fakten in ein inneres Empfindungs-Gelee verwandeln. Dabei wird das Meer als Quelle und Überlebenssinn angerufen, und sei es als literarische Therapie.
Doch das Mittelmeer zu erzählen und Stimmen zu sammeln brachte mir Leben. […] Das Meer ist zum Motor meiner Geschichten geworden. Die Buchten sind ein Archiv aller Ängste und Träume, die den Seefahrer umtreiben. […] Im Morgenlicht scheint alles möglich. (235)
Maria E. Brunner, literaturhistorisch bestens ausgebildet, hat ihrer Ausgewanderten die Züge jener Einmaligkeit verpasst, die sie in jene Reihe von exquisiten Migrations- und Meer- Geschichten einfügen, die in der germanistischen Galerie für Ausgewanderte hängen. Ja, dieser Vergleich führt auch mitten in Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter hinein, worin vom politischen Rahmen für individuelles Schicksal die Rede ist. Bei Maria E. Brunner übernimmt diesen Erzähl-Fixpunkt für den Rahmen ein kleiner Berghof an der Brennergrenze, der abbrennt und zur Wüstung wird.

Maria E. Brunner: Die Ausgewanderte. Roman. Innsbruck: edition laurin 2026. 237 Seiten. EUR 23,-. ISBN 978-3-903539-61-7. Maria E. Brunner, geb. 1957 in Pflersch, war bis 2015 Literaturprofessorin in Schwäbisch Gmünd.
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