Helmuth Schönauer
Lesen! Rezensieren!
Wenn ich doch nur aufhören könnte.
Anlässlich der Neuerscheinung von
„Buch in Pension Band 6"
Selbstbesprechung

Buchhandel und Bibliotheken sind an das Auf und Ab der Lektürefreudigkeit gewöhnt. Die Leute haben manchmal anderes im Sinn, als in Bücher zu schauen. Zudem bringt Lesen oft die deprimierende Erfahrung zutage, dass die Schreibenden einfach nicht loslassen können von ihren Schreibgeräten, während die Welt in Flammen steht.

1.
Jeder, der ein bisschen was im Laufe des Lebens gelesen hat, ist Franz Kafka unendlich dankbar. Er hat in drei Romanen für Jahrhunderte alles gesagt, was von Relevanz ist.
– In Verschollenen muss ein junger Mensch als Ausgewanderter mit Amerika zurechtkommen.
– Im Schloss sucht ein Landvermesser vergebens seinen Arbeitgeber, nachdem ihm vage eine Stelle zugesagt worden ist.
– Im Prozess wird ein Beamter von der Behörde in seinem Bett überrascht und es wird ihm ein Prozess gemacht, den niemand erklärt.

Mit diesen drei Romanen kommt man durch alle Lebenslagen, zumal ja auch die Themen Sex, Mobilität, Gerechtigkeit und Gewalt ständig im Spiel gehalten werden.

Diese Zauberformel, wonach sich im Idealfall ein großartiges Lebenswerk auf drei Titel eindampfen lässt, bewährt sich bei so gut wie allen literarischen Outputs, die die Verlage über uns ergießen.


2.
Eine gelungene Eindampfung betrifft beispielsweise die literarische Pop-Ikone Peter Handke, dessen Früh-Romane manche Altersjahrgänge ein Leben lang geprägt haben.
– In Wunschloses Unglück verabschiedet sich der Erzähler von seiner Mutter, indem er ihre unerfüllten Wünsche in Sprichwörter verwandelt.
– In Angst des Tormanns beim Elfmeter erstarrt ein Arbeitsloser mitten im Alltag in sich selbst und hält dadurch den Elfmeter des Tages.
– In Kurzer Brief zum langen Abschied sucht der Held seinen Bruder quer durch Amerika und sieht ihn in einem erlösenden Schlussbild in der Ferne, wie er Holz hackt.

Wenn man sich an das Diktum hält, dass man Nobelpreisträger nach der Preisverleihung nicht mehr zu lesen braucht, bleibt ein beinahe romantischer Eindruck bestehen, den Peter Handke mit seiner Entdeckung von Hermann Lenz und seinem Kutscher und Wappenmaler durchaus auch selbst gesucht hat.

3.
Wahrscheinlich die beste Art, sich bei der Leserschaft über den Tod hinaus in fröhlicher Erinnerung zu halten, ist die Selbstrezension des Gesamtwerkes, wie sie Jürgen Becker als Meister der Lyrik für sich selbst angewendet hat. Als Sendeleiter und Hörfunkjournalist hat er das Handwerk der Werkerschließung von der Pike auf gelernt, entwickelt und sie für seine über 50 Bücher selbst angewandt. In seiner 1000seitigen Gesamtausgabe nimmt diese Zusammenfassung der Einzeltitel als Prompts gut 15 Seiten ein.

Bei den Lesern wird durch diese eingedickten Textzusammenfassungen fallweise jene Neugierde geweckt, die sich an einem einzigen Leseabend befriedigen lässt und die nicht mit barocken Textschleifen auf jenes Lektüre-Jenseits verweisen, mit dem fette Bücher gerne zu Weihnachten locken.



4.
Angesichts dieser Beispiele für konzise Literatur erscheinen natürlich die meisten gängigen Neuerscheinungen als überflüssig, zumal sie ja nicht zur Befriedigung der Lesenden gedacht sind, sondern ausschließlich zur finanziellen Unterfütterung einer Autorenschaft, die sich nicht vom Schreibgerät trennen will.

Lesen heißt also auch zuschauen, wie die Autoren nicht loslassen können von ihrem Schreibgerät. Hinzu gesellt sich noch eine gewisse Altersmelancholie, wenn sich Schreibende und Lesende mit nostalgischen Erfahrungen herumplagen, weil selbst die literarische Fiktion mittlerweile jede Überzeugungskraft verloren hat.

In diesem Lichte sind wahrscheinlich auch Tiroler Autoren wie Aichner, Gstrein, Taschler, Platzgumer, Oberhollenzer, Mall, Augustin, Schrott oder Bauer zu sehen. Sie haben längst alles gesagt, was zu einer gewissen Zeit interessant gewesen sein mag. Und jetzt sind sie Gefangene eines literarischen Geschäftsmodells, bei dem man offensichtlich so lange dichten muss, bis einen der Verlag aus dem Programm schmeißt.

Auf die Idee der Selbstreflexion, ob man noch irgendwas zu sagen hat, kommt offensichtlich niemand. Dabei haben die beiden Giganten Jürgen Habermas und Alexander Kluge, die heuer über-neunzigjährig gestorben sind, gezeigt, dass es bis zum Tod stets Neues zu entdecken gilt. Freilich braucht es dazu Selbstreflexion und Bescheidenheit.
Beide Altmeister haben übrigens das Spätwerk als Werk der Infragestellung angelegt.

5.
Selbstkritisch als Rezensent ist anzufügen, dass naturgemäß das Genre Rezensionen längst kein Renner mehr ist, obwohl unsereins das Letzte aus den zugeschickten Büchern herausholt. Die langjährige Leseerfahrung zeigt, dass in sehr vielen Büchern maximal ein Gedanke neu ist, der Rest besteht einfach aus zu vielen Seiten.

Warum Rezensionen aber immer noch einen Sinn haben und deshalb in jedes Qualitätsmagazin gehören, zeigt die simple Weisheit: Es ist die Literaturgeschichte, die schließlich die Literatur überlebt.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. friedrich hahn

    gscheit. witzig. mit einem wort: ein vergnügen. dein fan aus dem harmoniegassenland zu wien…danke!

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