Helmuth Schönauer
Lanz im Südtiroler Landtag
Stichpunkt

Vier prominente Auslands-Südtiroler möbeln in einer Performance im Südtiroler Landtag das Selbstbewusstsein des Landes auf.

1.
Das gegenseitige Interesse zwischen Nord- und Südtirol liegt inzwischen oft außerhalb der Reichweite der Sinnesorgane. Man muss sich schon auf beiden Seiten des Brenners einen Ruck geben, um eine Nachricht aus dem jeweiligen anderen Teil zu rezipieren. Selbst die feierlichen Einheits-Landtage und Regio-Aufmärsche werden als lästig empfunden, aber niemand getraut sich, diese patriotischen Floskel-Versammlungen abzusagen.

Und dann das! Was für eine tolle Idee.


Der Südtiroler Landtagspräsident Arnold Schuler lädt vier international bekannte Südtiroler als Auskunftsperson über das eigene Land ein. Die Rollen sind für kurze Zeit vertauscht und die Parteien dürfen ihre Vorschläge und Fragen mit dem Blick von Ausgewanderten beantworten lassen.

Das ganze wird von RAI Südtirol im TV übertragen und von den zwei deutschsprachigen Tageszeitungen in Bozen anderntags kommentiert und analysiert.

2.
Südtirol im Dialog – Perspektiven von außen. Für diese Veranstaltung sind die Parteien bestens vorbereitet, ihr Programm vorzustellen und von den international tätigen Stars vor laufenden Kameras kommentieren zu lassen.

Die umworbenen Meinungsmacher
– Markus Lanz, Starmoderator im ZDF
– Evelyn Palla, Chefin der Deutschen Bahn
– Ulrich Ladurner, kulturpolitischer Essayist für Die Zeit
– Allessio Lasta, Starjournalist in italienischen Medien
schlagen sich tapfer mit heimischem Kleinzeug herum, das um Würdigung und Zustimmung bittet.

Nach den höflichen Aufwärmrunden zeigt sich, dass der Abend letztlich auf Markus Lanz zugeschnitten ist.
Dieser klärt zuerst ab, ob er als gebürtiger Pusterer Dialekt sprechen darf, was ihm aber im Sinne der Zweisprachigkeit im Hause ausgetrieben wird. Später stellt sich heraus, dass hinter diesem Begehr eine These steckt: Die Südtiroler sprechen die Wahrheit nur im Dialekt aus, wenn sie Schul-, Amts- oder Verkehrsdeutsch sprechen, verfallen sie in den Schauspielmodus, flunkern und spielen jede Rolle perfekt.

Daher hält er sein Statement in ehrlich gespieltem Deutsch, von dem anderntags die Presse meint, dass es wohl noch lange in den Köpfen des Landes hängenbleibt.

Wir sind an einem Punkt, wo wir uns eingestehen müssen, dass wir mit Geld nicht alles lösen können.
Wir haben einen Komplex – auch in der Bundesrepublik: Wenn ein Problem zu groß ist, dann hier eine Milliarde, dort eine Milliarde. Dann wird es schon weggehen. Aber es geht nicht weg.
Die Südtiroler – dieses Schicksal teilen wir mit den Bayern – werden Opfer ihres eigenen Erfolgs. Boom, ein wahnsinniger Aufstieg. Und jetzt zahlt das Land den Preis dafür.
Wenn ich von oben auf die Dörfer runterblicke, sehe ich nur noch Menschen im weißen Bademantel, die durch Hotellandschaften irren – das ist Wahnsinn.

[zitiert in „neue südtiroler tageszeitung“, 21.4.2026]

Von den vier Eingeladenen erzeugen die Sätze des Markus Lanz die größte Wirkung, was man daran merkt, dass der Vertreter der Südtiroler Volkspartei spontan mit einer Verteidigungsrede anfängt.

Deren Wortführer Harald Stauder reagiert mit dem Klassiker: Nicht der Tourismus sei an der Überfüllung des Landes schuld, sondern die Leute, die diese Empfindung glauben. Seine Verteidigungsrede spielt mit dem Mittel der Redezeitüberschreitung. Er redet so lange, bis die Kameras zusammenpacken, damit niemand mehr entgegnen kann, schon gar nicht andere Parteien.

3.
Die Veranstaltung wird in den Medien ausführlich diskutiert. Hier zeigt sich auch der unschätzbare Vorteil des Landes, das sich zwei deutschsprachige Tageszeitungen hält. Für uns Nordtiroler bleibt im Diskurs politischer Brennpunkte oft nur mehr der Umweg über Südtirol: Indem wir die Probleme dort diskutieren lassen und dann zu einem Glaserl Wein aufbrechen, damit man uns erzählt, was bei der Diskussion herausgekommen ist.

Eine medienwirksame Diskussion Lanz im Landtag wäre bei uns undenkbar, weil wir niemanden haben, der diese Rolle übernehmen könnte. Unser einstiges internationales Aushängeschild, der Master of the Signa-verse, absolviert momentan eine Lehre in der Völser Straße und ist für einen Auftritt im Landtag daher nicht verfügbar.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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