Helmuth Schönauer
Landesrealistischer Empfang
Stichpunkt

Das Welt-Alleinstellungsmerkmal Tirols ergibt sich bislang aus dem Landesüblichen Empfang. Dieser soll im neuen Jahr behutsam der Realität angepasst werden.

1.
Manches kann man auch bei bester Ausnutzung von Netz, KI oder digitalen Dienstleistern nicht kommunizieren. Es ist so wirr und irr, dass man es einfach gesehen haben muss. Zu diesen Eindrücken für den analogen Höhepunkt des menschlichen Daseins gehört in Tirol zweifelsohne der Landesübliche Empfang.

Für einen groben Prompt beschrieben handelt es sich dabei um einen Aufmarsch einer möglichst bepenisten Schützenkompanie in diversen Jankern und Hüten, die fallweise Kommandos schreien und in die Luft schießen. Anschließend wird auserwählten Herumstehenden Schnaps angeboten, damit diese mit dem Gestus von Schützen in die Luft rülpsen können.

Der Landesübliche Empfang (LÜE) gilt dabei als beinahe ironische Manifestation der vier Klassen in Tirol:
a) Repräsentanten der Einheitspartei zum Ansalutieren
b) Ehrengäste oder Touristen zum Anschmeicheln
c) Uniformierte in Fantasie-Kostümen
d) Volk, das sich zum Teil um den Erwerb der Staatsbürgerschaft bemüht und deshalb verpflichtend einem LÜE beiwohnen muss.



Die Zeremonie ist mittlerweile weltweit bekannt und so erfolgreich, dass Menschen durchaus von der Autobahn herunterfahren und eine Verlängerung der Durchreise in Kauf nehmen, wenn sie dadurch das Spektakel erleben können. Den Machern der Festorgie ist zugleich klar, dass man solche Events immer wieder nachjustieren und der Realität anpassen muss, will man auch noch in Jahrhunderten so erfolgreich sein wie man es seit 1809 ist.

2.
Im Projekt Verbesserung Tirols wird deshalb vorgeschlagen, aus dem Landesüblichen Empfang einen landes-realistischen zu machen. Dabei soll die Grundstruktur beibehalten werden. Es sollen also auch in Zukunft edle Menschen auf einer Bühne stehen und winken, und etwas tiefer in der Kulisse sollen andere herausragende Menschen vorbeimarschieren und zurückgrüßen.

Realistischer soll dieser Umzug allerdings werden, indem man die defilierende Truppe der realen Bevölkerung anpasst. Für den Empfang neuen Stils, der vermutlich monatlich vor der Hofburg unter Aufbietung einer Ausrede ausgelobt wird, sollte in Zukunft eine Volkskompanie aufmarschieren. Andere verwenden auch die Bezeichnung Feierliches Volks-Corps.

Die Struktur dieses Marschierkörpers ist exakt der Bevölkerung angeglichen, wobei nur die Parameter Alter, Geschlecht und Staatszugehörigkeit Berücksichtigung finden. Eine solche Ideal-Kompanie besteht aus hundert Menschen, deren Zusammensetzung jährlich nach den aktuellen Ergebnissen der Statistik Austria gesteuert wird.
Die amtlich Vorgeschlagenen haben den Status von Schöffen, sie dürfen also nur bei schwerwiegenden Gründen absagen.

Die Kompanie selbst lässt vorne die Hundertjährigen ihrem Anteil an der Bevölkerung gemäß mit dem Rollator vorauseilen, dann folgen die Liegenden und Geschobenen, wobei das Antriebspersonal nicht auf die Hundertschaft mitgezählt wird.

Einer flachgelegten Bevölkerungspyramide ähnlich gleicht sich dieser Festumzug dem Alter an, sodass nach den Hundertjährigen fette Auswüchse an Sechzigjährigen folgen, die sich wieder verdünnen, bis irgendwann zwei Babys folgen, als traurig rare Geburten des letzten Jahrgangs.

Wie bei der Alterspyramide marschieren Männer und Frauen getrennt einer gedachten Mittellinie entlang.

In dieses Gerüst sind noch die diversen Herkünfte hineinprojiziert. Wir werden also nur sechzig Nativ-Tiroler in der Kompanie haben, der Rest setzt sich aus Vertretern jener Bevölkerungen zusammen, die in Tirol wohnen, aber noch mit ihren alten Staatsbürgerschaften herumrennen müssen.

Diese Landesrealistische Kompanie zeigt denen da oben auf der Ehrentribüne, wer wirklich im Land lebt und daran arbeitet, damit es schöne Umzüge gibt.

Statt des etwas antiquiert anmutenden Gewehrs, das nicht einmal als Schreckschuss bei so einer Feier etwas verloren hat, sollen von den Schultern der Marschierenden kleine Drohnen aufsteigen – wie Vögel und allen zwitschern, dass wir ein lustiges, wehrhaftes und begehrenswertes Örtchen sind. Trachtenjanker und Hüte können frei gewählt werden und durchaus Indizien sein für die augenblicklichen Staatsbürgerschaften gegenwärtiger Tiroler.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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