Helmuth Schönauer
Kunstwerk Freizeitgespräch
Stichpunkt

1.
Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Freizeitgespräch (Cap gegen Westenthaler) zu Fachgespräch (hat mit der Arbeit zu tun) erhöht die Chancen auf ein psychisch gesundes Leben. Diese in eine Faustregel verkleidete Prämisse bestimmte im letzten Jahrhundert das Zusammenspiel von Wissenschaft und Erwachsenenbildung.

Auf den Unis wurde der Alltag erforscht und gelehrt, auf der Volkshochschule wurde praktiziert und diskutiert.

Mit den Nullerjahren wurde durch das Aufkommen neuer Medien die Erwachsenenbildung eingestellt, was sich vor allem bei der Covid-Thematik als verhängnisvoll erwiesen hat. Plötzlich gab es keine Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis mehr, die etwa das Impfwesen hätte akzeptabel vermitteln können.

Geblieben ist dieses harmonische Wechselspiel zwischen Fach- und Freizeitgesprächen in diversen Pensionistenrunden, wo ohne Stress über die Welt in Theorie und Praxis diskutiert wird, damit es schließlich in einen Blog oder Podcast münden kann.

Die etablierten Medien schließlich haben sich alle neben der Print- und Onlineausgabe jeweils personalisierte Podcasts und Mediatheken-Files zugelegt, auf denen Journalisten im Freizeitlook mit Wissenschaftlern oder Künstlern plaudern.

Einen in mehrfacher Hinsicht aufregenden Podcast leistet sich unter anderem die Kronenzeitung, die den ehemaligen Regierungskommunikator Gerald Fleischmann engagiert hat. Unter dem Titel Message Macht Medien tagt er regelmäßig mit interessanten Persönlichkeiten im Netz, um aus der Sicht seiner Medientheorie heraus die Programme der einzelnen Proponenten in ein fundiertes Thesenlicht zu stellen.

Dabei ist das Ganze durchaus unterhaltsam, weil es von einer feinen Offenheit geprägt ist. Voraussetzung für diese Gespräche ist die Bereitschaft, dass keiner der beiden Thesendarsteller endgültig recht hat.

2.
In einer aktuellen Gesprächskonstellation treffen Medienmann Gerald Fleischmann und Kabarettist Gery Seidl aufeinander.

Unter der Schlagzeile Armin-Wolf-Witz vom ORF aus der Sendung geschnitten stellen die beiden Überlegungen an, wie man unter anderem die Kluft zwischen Impfern und Impfgegnern überwinden könnte.

Als ehemaliger Kommunikator der Regierung erklärt Fleischmann, dass es letztlich lange keine gesicherten Erkenntnisse über den Virus gegeben hat und alle überfordert waren. Daraus erklärt sich auch der überbordende Wille zur Bekämpfung der Pandemie durch Impfzwang.

Der Kabarettist stellt dem entgegen, dass sich die Argumentation ab jenem Augenblick ins beinahe Faschistische gedreht hat, als klar wurde, dass die Impfung zwar den Verlauf mildern, nicht aber die Ansteckung und Weitergabe verhindern konnte.

An dieser Problemstellung lässt sich aus heutiger Sicht das Dilemma staatlicher Kommunikation aufrollen, ohne dass die einzelnen einen finalen Schluss daraus ziehen müssten. Zu diesem Zweck stellen Kommunikator und Kabarettist noch einmal ihre Werkzeuge vor, mit denen sie auftreten.

Fleischmann folgt dem Medien-theoretischen Dreiklang
– Message (Botschaft)
– Framing (Kontext)
– Spin (Kampagne)

Seidl hält sich an die Kabarett-Tugenden
– Lachen über sich selbst
– Erkenntnis durch Unterhaltung
– Erlebnis durch eigene Erfahrung

Während beide Welten in der Realität getrennt auftreten, also am Vormittag Regierungserklärung als Message Control und am Nachmittag Kabarett über das Impfen, vermischen sich beide Welten, sobald sie durch Medien gespiegelt werden. Der einzelne User muss sich folglich Zeile für Zeile durch die Sätze der Regierung oder des Kabaretts durcharbeiten.

Denn nicht immer werden einem diese Welten so unterhaltsam erklärt wie in diesem Gespräch, das man als Meilenstein für ein sogenanntes Freizeitgespräch heranziehen könnte. Man könnte es sogar ein Kunstwerk nennen.


Quelle: Kronenzeitung; Mediathek, Gerald Fleischmann mit Gery Seidl: Armin-Wolf-Witz wurde rausgeschnitten

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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