Helmuth Schönauer
Kunst aus dem Off
Peter Angerer (1952-2026)
Nachruf

Der Innsbrucker Filmkritiker und Feature-Produzent ist im Alter von 74 Jahren gestorben.

In der Provinz ist der Beruf des Künstlers meist mit einem unscheinbaren Leben verbunden. Bis auf wenige Anrainer, die eine solche Person vielleicht vom Hörensagen kennen, leben solche Individualisten oft wie früher Zier-Eremiten in barocken Gärten, zurückgenommen hinter der Wahrnehmungsschranke. Nur Fachleute, Archivare und Prekariatsforscher haben Zugang zu dieser Lebensform, die quasi Kunst aus dem Off produziert.

Peter Angerer war anerkannter Filmkritiker, Feature-Produzent, Drehbuchschreiber und Regisseur rarer Filmexperimente. Obwohl er über TT und ORF eigentlich jedem Tiroler bekannt war, blieb er dennoch für die meisten ein Unbekannter. Sein Diktum war: Man geht wegen des Films ins Kino, nicht wegen des cineastischen Personals.

Trotz dieser beinahe provinziellen Nähe, ‒ ich wohnte laut Google zu Fuß nur 23 Minuten von ihm entfernt ‒, habe ich Peter Angerer über die Jahre nur selten als Person gesehen, freilich aber fast wöchentlich durch seine Filmrezensionen und ORF-Tonspuren seine Ideen rezipiert.



Kultur-Dienstlich standen wir uns seit Jahrzehnten nahe, er ackerte sich durch sämtliche Filme der Kulturgeschichte, ich durch sämtliche Bücher der Tiroler Gegenwartsliteratur. Beide entwickelten wir einen sogenannten eigenen Rezensionsstil, der darauf fußt, dass die echte Rezension nicht der Rezensent, sondern der Leser der Rezension macht. Alle Versuche, durch eine Rezension dem Kunden das Denken abzunehmen, empfanden wir als verwerflich.

Aus den 1970er Jahren ist mir ein Treffen mit ihm in Erinnerung, wo wir verblüfft feststellten, dass uns die katholische Filmschau, wie sie damals in der Stadt an manchen Haltestellen ausgehängt war, als großes Paradoxon prägte. In der Hauptsache wurden nämlich Filme besprochen, die als nicht jugendfrei eingestuft waren. Das Geheimnis dieser Filmrezensionen bestand darin, etwas zu beschreiben, das man keinesfalls sehen durfte.

Diese verzückende Dramaturgie haben wir uns folglich auch für unsere Rezensionen zu eigen gemacht, wobei unser Paradoxon darin bestand, dass man Filme und Bücher ja jugendfrei konsumieren konnte.

Die zweite dienstliche Begegnung stammt aus 2006, als Peter Angerer vorschlug, ein Tonspuren-Feature für Ö1 zu machen, worin die Rolle von Bibliothekaren als unsichtbare Lese-Wesen zur Sprache kommen sollte. Wie bei ihm üblich hatte er einen Filmtitel im Kopf, den er mit einem Release für die Sinne plastisch machen wollte.

Der Titel des Features riss alle vom Hocker: 
Peter Angerer: Ein Wärter dieser besonderen Welt. Der Bibliothekar und Schriftsteller Helmuth Schönauer. In: ORF Tonspuren. 10. März 2006. Wiederholung 19. März 2006.

Im Feature ging es um die Darstellung jenes Bibliotheksgeistes, der Bücher und Leser zusammenführt. Keinesfalls durfte die Gestalt dieser Dienstleistung Fleisch annehmen und zu einem biederen Porträt ausarten. Zwischen den Zitaten, O-Tönen und Geräuschen aus einem Archiv des Untergrundes trat allmählich jene Stimmung auf, die eine verlorene Seele der Gegenwart in einem historischen Lesesaal erlebt. Diese beinahe religiöse Entrückung von der Welt wurde konterkariert mit den trivialen Begebenheiten, wie sie aus dem Asphalt des Mitterwegs Tag und Nacht aufsteigen.

Peter Angerers dramaturgischer Schachzug war genial. Er installierte das Feature im Stile von Apocalypse Now und ließ die Stimme eines fiktiven Marlon Brando statt im Dschungel am Mitterweg im Westen Innsbrucks sprechen. Alle Sätze wurden plötzlich zu einem Film-Zitat, das eine Runde im Kreisverkehr der Fiktion fährt, ehe es wieder im Alltag verschwindet.

Im Sinne dieser Oszillation zwischen filmischer und trivialer Realität könnte man cineastische Schlagwörter für einen Grabstein aus Poesie direkt dem nächsten Kreisverkehr entnehmen: Beim Verlassen blinken!

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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