Helmuth Schönauer
Hybrider Zustand
Warum die Isländer nicht
der EU beitreten wollen.
Stichpunkt

Die Isländer sind als Volk offensichtlich schlauer als die Führungskaste der EU. – Wie eine Gruppe Vorstadtrentner Weltpolitik diskutiert.

1.
Schon nach ein paar Tagen will in der EU niemand mehr etwas davon hören, dass in Island in einer Volksbefragung die Anbahnung von Beitrittsgesprächen mit der EU abgelehnt worden ist. Viele am Kontinent der Greise können es noch immer nicht fassen, dass die Inselbewohner sich nicht auf den perversen Deal einlassen wollten: Tausche Fischgründe für Asylkontingente.

Denn darum geht es der EU letztlich, sie sucht krampfhaft Länder, die ihr die selbst eingebrockte Asylmisere abnehmen, indem sie Pflichtkontingente von abgelehnten Menschen zu humanen Bedingungen übernehmen sollen.

2.
Die EU ist momentan für niemanden attraktiv. Im Innern funktioniert sie, weil sie die Bedrohung durch einen hybriden Krieg hilflos aneinander schweißt, von außen gesehen versucht man ihr freilich aus dem Weg zu gehen, weil man außer Verordnungen und Moral nichts zu erwarten hat.

Jedes Handelsabkommen mit der EU beginnt mit einer moralisierenden Präambel, ehe ein Katalog von bürokratischen Leitlinien ausgehändigt wird, der im Falle eines Deals einzuhalten wäre.

So ist es kein Wunder, dass die EU bald nur mehr mit sich selbst Handel betreiben wird. Denn auch der scheinbar raffinierte Handel mit geriatrischem Personal, wobei man frische Pflegekräfte aus Asien einfliegt, während sich die Betuchten alten EU-ler auf den diversen Kanarischen, Balearischen oder Maledivischen Inseln ihren Alterssitz erkaufen, wird in ein paar Jahren biologisch zu Ende gegangen sein.

3.
Neben den Handelsbarrieren, die sich die EU mit ihren menschenrechtlichen Träumen immer wieder auferlegt, gibt es auch die handfesten Befindlichkeiten rund um den Begriff Krieg.

Von außen gesehen befindet sich die EU in einem Krieg, den sie freilich nicht angefangen und nur widerwillig zur Kenntnis genommen hat. Wieso soll also Island freiwillig in die EU eintreten, um dann in einen Krieg hineingezogen zu werden, der bereits in der EU-Blase von Brüssel zunehmend als solcher bezeichnet wird?

4.
Der Begriff Hybrider Krieg sickert mittlerweile bis in die kleinsten Lebensbereiche durch, ist darin doch die Bedrohung durch kaputte Infrastruktur, Cyberangriffe oder ferngesteuerte Attentate angesprochen. Noch handelt dieser Begriff vor allem vom diffusen Zustand zwischen Krieg und Frieden.

Freilich sollten wir uns schon einmal einen Kataster von Bedrohungen anlegen und wie wir diesen zumindest semantisch begegnen wollen. Dazu gehört unter anderem eine Erweiterung des Begriffes Migration. Es ist ja längst bis in die tiefste Bevölkerung hinunter durchgesickert, dass Migrationsströme auch als Waffe eingesetzt werden.

Noch begegnen wir diesem Phänomen mit semantischen Schönschreibungen und dem Recht auf individuelles Schicksal. In einem Krieg freilich gibt es kein individuelles Recht, der Traum von einem humanen Schlachtfeld wird sich nicht aufrechterhalten lassen.

Auch die Sprache wird sich anpassen müssen: Man wird eines Tages offen aussprechen, dass es sich bei Grenzsicherung unter anderem um Push-backs handelt. Oder wie will man sonst einem Soldaten eines EU-Landes erklären, dass der anstürmende Asylwerber an der Grenze einen Rechtsanwalt bekommt, während der Frontex-Schützer selbst vor Gericht landet, sofern er den Einsatz überlebt.

In diesem hybriden Licht ist es verständlich, dass die EU täglich lange Schatten wirft, wie bei einem heftigen Untergang der Abendsonne.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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