Helmuth Schönauer
Herbstkeks
Stichpunkt
Als Keks wird im Volksmund alles bezeichnet, was als Distinktion, Medaille oder Applikation auf Brust oder Schulter geheftet ist. Die damit herumrennenden Personen heißen Kekser.
Im Buchhandel werden seit Jahrzehnten Frühjahrs- und Herbstkataloge ausgeschickt, im Landhaus Ehrungslisten für das Frühjahrs- und das Herbstkeks.
Beides ist Tradition, wird in hellen Farben aufgemacht und bringt nichts Neues, außer dass der Alkoholkonsum im Hintergrund der Veranstaltungen stark zurückgeht.
Dieser Tage ist es auf Schloss Tirol bei Meran zur Herbst-Keks-Übergabe an 46 Personen gekommen.
Es gab keine besonderen Vorkommnisse, da die drei Haupt- Richtlinien eingehalten worden sind.
a) Das Keks ist eine Alterserscheinung,
b) das Keks zeichnet weniger eine Person aus als vielmehr deren Anhängerschaft,
c) das Keks ist ein Zufallsprodukt.
Die mit Metall Beglückten geben sich durch die Bank überrascht, dass es sie getroffen hat, so wie andere von einem Verkehrsunfall heimgesucht werden. Die meisten sehen sich für das Pressefoto aufgestellt in einer Kette von Personen, mit denen sie sonst nie etwas zu tun haben wollen.
Letztlich schleicht auch ein ordentlicher Schuss Melancholie durchs Gemüt, denn auf dem amtlichen Foto ist ab jetzt für alle sichtbar, dass die Gesellschaft genug von einem hat, und deshalb danke sagt mit der Erwartung, dass man sich bis zum Sterben ruhig verhält.
Für das Publikum stellt die Liste der Ehrungen eine gute Gelegenheit dar, sein eigenes Society-Wissen zu überprüfen.
Die Brüste, die zum Anstecken der Medaillen herausgestreckt werden müssen, stammen ziemlich gleichmäßig verteilt aus vier Feldern: Religion, Soziales, Kunst, Politik.
An der Wertigkeit dieser Felder lässt sich die Verfasstheit der Gesellschaft recht gut ablesen.
Während es in der Religion schon eine Leistung ist, ohne pädophilen Skandal ein klerikales Amt auszuführen, stellen sich in der Kunst bei vielen die Haare auf, wenn sie sehen, dass jemand zu den Preisen und Subventionen auch noch eine Herbstehrung ausgefasst hat.
Und über der Politik liegt der Fluch der schlechten Nachrede, was immer jemand macht, er wird hinterher ausgelacht.
Bleibt noch das Soziale, das am ehesten Platz für würdige Leistungen bietet, die zu einem Keks führen. Aber auch da ist es nicht leicht, bei der Beurteilung halbwegs unaufgeregt zu bleiben.
Bei der heurigen Herbstaufstellung kommen unter dem Titel besondere Leistung für das Bildungswesen zwei Personen an die Reihe, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Der eine leitet seit Jahrzehnten die Bildungs-Einrichtung Treibhaus. Es gibt kaum jemanden, der diese Leistung nicht für besonders würdigungswert hält.
Der andere leistete vor Jahren als Landesrat nach einer Alkoholaffäre tapferen Widerstand und weigerte sich, zurückzutreten. Allen unvergesslich ist diese Alkoholaffäre aus dem Jahre 2010 deshalb, weil sie in den Sonntags-Klappzeitungen mit Niki Lauda am Cover verkündet worden ist.
In einer großangelegten Trockenkampagne wendet sich damals der Ex-Rennfahrer an die Jugend: Don’t drink an drive!
Schlägt man das Cover um, sieht man den belämmerten Landesrat, wie er als Lenker mit ordentlich Promille aus dem Fahrzeug geholt wird.
Bei Herbstkatalogen und Herbstkeksen sollte man milde sein. Nicht alles ist glänzend, was mit Glanz angeboten wird.
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen
