Helmuth Schönauer
Enhanced games – entfesselte Spiele
in Las Vegas und in Klagenfurt
Stichpunkt
In Las Vegas wurde endlich ausprobiert, was der Körper an Doping aushält. In Klagenfurt tastet man sich literarisch an die Grenzen des Vitamin B heran.
1.
Exzessive Experimente mit Medikamenten an menschlichen Körpern sind in Deutschland aus historischen Gründen ein No Go, weshalb man sich in Sendeanstalten einen Moralbeauftragten hält, der sofort aufjault, wenn der Verdacht von Doping nahe liegt.
Dieser Tage musste der Dopingexperte der ARD selbst viel Kaffee trinken, um wach zu bleiben für seine eigenen Auftritte. Er musste sich nämlich tagelang in Sportsendungen empören, dass an einem Wochenende im Mai in Las Vegas eine Schweinerei zu Gange war.
Was war geschehen? Im Show-Paradies Las Vegas wurden die sogenannten Enhanced Games ausgerufen, die man mit Erweiterte Spiele übersetzen kann. Im Sinne eines ehemaligen Bundeskanzlers könnte man auch von entfesselt (Karl Nehammer) sprechen.

Mitmachen konnte jeder, der sich zuvor ausreichend gedopt hatte, medizinische Überwachung war garantiert. Für jeden Weltrekord in den drei Kern-Show-Arten Leichtathletik, Schwimmen und Gewichtheben war eine Million Dollar an Preisgeld ausgerufen, aber im Endeffekt gelang nur ein Weltrekord, und dieser wird nicht überall auf der Welt anerkannt.
Die Show wäre wohl bald wieder vergessen, hätten nicht die Moralisten in Europa darin ein ideales Thema gefunden, um zu zeigen, wie menschenverachtend es momentan in Amerika zugeht. Denn in die Show haben unter anderem der älteste Sohn des US-Präsidenten und der Ziehvater des genialen Bundeskanzlers Kurz, ein gewisser Herr Peter Thiel, investiert.
Die Moralisten in Deutschland (und wohl auch Österreich) verdammen die Las-Vegas-Sport-Show, weil sie es sich nicht mit diversen Weltverbänden vertun wollen, die für die Übertragungsrechte das Einhalten von Doping-Gesetzen verlangen. Und die Gesundheit der Athleten spielt plötzlich auch eine Rolle. Hier sitzt offensichtlich noch der Schock aus DDR-Zeiten tief, als man Sportler von Kindesbeinen an mit allem vollpumpte, was irgendwie eine chemische Reaktion im Organismus auslöste.
Jetzt empört man sich noch einmal kurz, damit man später für das Sende-Archiv die übliche deutsche Ausrede hat, man habe ohnehin protestiert. Denn längst ist der Internet-Markt an Dopingmitteln zum Maß aller Dinge geworden. So wie KI in jedem zweiten Absatz von Texten steckt, steckt der internationale Drogenmarkt in jedem zweiten Körper.
Wer daran zweifelt, soll sich einfach die Liste an beschlagnahmten Medikamenten durchlesen und daraus die passende Dunkelziffer hochrechnen. Seit man zum Joghurt Protein-Shake sagen muss, um etwas darzustellen, ist der Umgang mit aufbauenden und aufputschenden Substanzen aus keinem Alltagsgespräch mehr fortzudenken.
Wir werden also einen erweiterten Las-Vegas-Sport erleben, der neben dem eingeschränkten stattfinden wird. ‒ So wie man auf den Everest mit und ohne Sauerstoff steigen, Wein mit oder ohne Alkohol trinken und Kinder mit oder ohne Pipette zeugen kann.
Der Fortschritt kann bekanntlich alles, außer rückgängig gemacht werden.
2.
Wenn das Wort Doping auftaucht, denkt der gelernte Österreicher natürlich an das sogenannte Vitamin B, das die Gesellschaft seit Jahrhunderten durchtränkt. Am dicksten findet das österreichische Doping beim literarischen Wettlesen in Klagenfurt statt.
Dort kommt man nämlich nur mit Beziehungen zu einem Vorleseplatz, und in den Lebensläufen der Teilnehmenden ist ausdrücklich die Dopingliste angeführt in Gestalt von Stipendien, Preisen und anderen Zuwendungen unter der Tuchent.
Kein Schriftsteller kommt heute neben den klassischen Zuwendungen an den Körper, wie Kaffee, Alkohol, Tabletten und Drogen ohne den Pilz der Verflechtung aus. In diesem Myzel aus Juroren, Rezensenten und Beamten verfangen sich nach undurchschaubaren Regeln die Dichtenden und werden wie einst Staatssportler in der DDR durch die österreichischen Stipendienlandschaft gejagt, von einem Preis zum nächsten, von einem Event zum anderen.
Das Klagenfurter Wettlesen kann als Urmutter für die Dopingshow in Las Vegas gelten. Hier treten die wahren Wortkraftprotze auf und stemmen Sätze in die Höhe, bis die Hantel bricht.
Und 3-SAT überträgt ohne Unterlass.
Was soll die Aufregung? Hätte der arme Gust, wie der jüngst verurteilte Beziehungshelfer aus der Bundespolitik kumpelhaft genannt wird, statt im Finanzamt Braunau in Klagenfurt gewirkt, wäre er wohl Vorsitzender der Jury gewesen.
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