Helmuth Schönauer
Ist die PISA-Studie aus der Zeit gefallen?
Notizen
1.
Zu Schulbeginn sind heuer wieder einmal die sogenannten Pisa-Studien um die Welt gegangen, dabei werden die Leistungen von Beschulten eines gewissen Jahrgangs in gut hundert Ländern der Erde miteinander verglichen.
Die Ergebnisse werden in Deutschland und Österreich vielfach als desaströs bis alarmierend bezeichnet, die Fähigkeiten zum anständigen Lesen und Rechnen lassen weltweit nach, nur China ist nach wie vor an der Spitze dessen, was offensichtlich vor Jahren einmal als Ziel ausgegeben worden ist.
Wenn auf der ganzen Welt die Leistungen der Beschulten nachlassen, so kann man wohl eine einfache Frage stellen:
Sind die gemessenen Parameter noch zeitgemäß?
Alles, was sich über Jahrzehnte erstreckt, bedarf einer gewissen Nachjustierung. Man denke nur an den sogenannten gesunden Cholesterinspiegel, der ja auch alle Jahrzehnte nachjustiert wird, wenn niemand mehr nach einer veralteten Kalibrierung gesund wäre. Und in vielen Ländern haben die Versicherungen den Body Mass Index auf ihren Webseiten mehrfach nach unten gesetzt, weil sonst die gesamte Bevölkerung als adipös eingestuft werden müsste.

2.
Könnte es also sein, dass nach Einführung der Smartphones, der Anwendung von KI im Schulbetrieb und der digitalisierten Pädagogik nach Corona die alten Messlatten für Lesen und Schreiben nicht mehr zeitgemäß sind?
Man beklagt etwa, dass die Fähigkeit zum Lesen exorbitant nachlässt. Aber vielleicht hat sich nur die Art des Lesens verändert, wie sie sich ja auch bei jeder Biographie verändert. Die meisten Alten würden heute kaum noch jene Tests bestehen, die sie in ihrer Jugend scheinbar klaglos bewältigt haben.
So könnte man etwa die Sprachkompetenz einfach neu bewerten. Während es früher noch Sinn machte, zwischen zweitem oder dritten Fall zu unterscheiden, geht es heute nur mehr darum, durch sorgfältiges Gendern in jedem Satz die Frauen vor sprachlicher Diskriminierung zu schützen. Und wenn im neuen Lesen ohnehin Emojis und Piktogramme die Last der Semantik tragen, warum soll man dann noch semantische Konstrukte pflegen, die es zu einer bestimmten Zeit in den Lehrplan geschafft haben?
So könnte man künftig die Ergebnisse der PISA-Studie von vornherein historisch begreifen und sie ließen sich dann leichter schönreden, was ja die Wesenseigenschaft der Österreicher ist.
3.
Eine andere gewisse PISA-Unschärfe zur Realität könnte darin liegen, dass die heuer bei uns untersuchten 15-Jährigen vielleicht ja gar keine Österreicher sind. Ok, sie gehen in Österreich zur Schule, aber in ihrem kulturellen Wissensstand müssten sie ja den Herkunftsländern zugerechnet werden.
Im Kommentar zur PISA-Studie wird betont, dass das Kuddelmuddel bei den Deutschkenntnissen in den diversen Jahrgängen keine Auswirkung auf die Fähigkeiten der Beschulten habe.
Und hier zeigt sich schon die wahre Absicht der PISA-Studie. Sie soll vor allem die Hundertschaften an Fachkräften, die daran beteiligt sind, in Brot und Arbeit halten, und sie soll zu keinen politischen Rückschlüssen führen, die nicht im voraus bestellt sind.
So bringt man als Kritik an der Gefühlslage der Beschulten gerade noch unter, dass ein Viertel von den Getesteten in der Schule keinen Sinn sähe.
4.
In vier Jahren werden wir wieder die nächsten Ergebnisse inhalieren. Es wird sich nichts verbessert haben, nur wenig verschlechtert. Am ehesten wird wohl noch die Sinnhaftigkeit von Schule und Studie in Frage gestellt werden und auf 50 Prozent hinauf jazzen.
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