Helmuth Schönauer
Die jüngste Anbiederung
Bischof kocht Moralragout.
Stichpunkt

Wer in Tirol eine höhere Stellung annimmt, ist gut beraten, sich von einem einheimischen Coach in die Fallstricke des Landes einweihen zu lassen. 

So ist es an der Uni üblich, mit dem frisch angeworbenen Personal eine Runde zwischen Campus, Landhaus und Innenstadt zu drehen, damit es die wichtigsten Zusammenhänge der Machtverteilung in der Provinz kennenlernt. Meist genügt es, die Besitzverhältnisse und Strukturen der Anlegerimmobilien zu kennen, um zu wissen, wie Stadt und Land ticken.

Wenn ein neuer Bischof nach Westtirol bestellt wird, wäre er ebenfalls gut beraten, diese irdischen Machtstrukturen zu scrollen, damit ein intelligentes Wirken gelingt. Diese Überlegung scheitert aber meist schon daran, dass in Tirol verschiedene Ansichten über intelligentes Wirken im Umlauf sind, sofern dieses über den bloßen Tourismus hinausgehen soll.

Zudem ist eine Führung des Neuen durch die Kernzone des Landes überflüssig, weil viele Immobilien und Grundstücke ohnehin der Kirche und deren Subunternehmern gehören.

[ 

Eine Aufwärmrunde für einen neuen Landesrest-Bischof besteht also am besten im digitalen Besuch der Personalverzeichnisse der diversen Einrichtungen, der Lektüre des Grundbuches, um sich einen Überblick über die Immobilien zu verschaffen, und der Lektüre des Drehbuchs für den Landesüblichen Empfang.

Dem aktuellen Bischof ist schon von der ersten Stunde an anzumerken, dass er seinen Auftritt in Tirol möglichst kurz halten will, Innsbruck ist nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Wien, wo demnächst ein Platz unter der Kardinalsmütze frei werden soll. Demnach ist sein Tun eher darauf aus, in den Wiener klerikalen Kreisen und beim vatikanischen Nuntius zu punkten, als im Herz-Jesu-Land, wo er von Anfang an mit holpriger Empathie unterwegs ist.

Schon sein erster Auftritt, die überdimensionierte Angelobung im Eisstadion, spricht Bände. Der Versuch, sich als Popstar zu präsentieren, geht kläglich in der unterkühlten Atmosphäre der Eishalle unter. Der Versuch, sich als Künstlerbischof zu outen, löst bei Künstlern wie beim kulturell höchst feinsinnigen Tiroler Publikum Verwunderung aus, als er eine Wäscheleine zeigt, auf der Kunstwerke der Migration und ewigen Pilgerschaft ausgestellt sind.

Mit der Wissenschaft vertut er es sich, als er in einem Vorwort zu einer Missbrauchsstudie die Seriosität der Arbeit in Frage stellt und indirekt zur Vertuschung unangenehmer Ergebnisse aufruft. Mit moralisch unterlegtem Ton nimmt er schließlich zu einem öffentlich diskutierten Fall von begleiteter Sterbehilfe Stellung und lässt anklingen, dass er auch Dienstgeber in vielen Pflegeeinrichtungen ist, worin die Anwendung von geltendem Recht fallweise ausgesetzt wird.

Und dann gibt er sich endlich als das, was er insgeheim ist: Ein Koch für karitatives Curry-Ragout.

Bischof Hermann Glettler schwingt den Kochlöffel (Mein Bezirk / Innsbruck / 24.9.25)

INNSBRUCK. Innerhalb kürzester Zeit war das Charity-Gericht „Currygeschnetzeltes mit Reis“ von Bischof Glettler ausverkauft. Der Erlös kommt der Krebshilfe Tirol zugute. Für den Bischof war die Teilnahme ein Herzensanliegen.

Während das Land Missbrauchsfälle aufwühlen, die durchaus in kirchennahen Institutionen stattgefunden haben, würzt der Hirte das Charity-Ragout. Selbst kirchenferne Kreise murren mittlerweile über die Prioritätensetzung des Würdenträgers nach altem Ritus.

Wie bei allen farblosen Persönlichkeiten, die im Land werkeln, wird der Volksmund später ein weises Urteil fällen:
Er war ein gottbegnadeter Salutier-August beim Landesüblichen Empfang.


Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

Schreibe einen Kommentar