Helmuth Schönauer
Das touristische Optimum
ist erreicht.
Stichpunkt
Die meisten Graphiken, die im Alltagsjournalismus verwendet werden, bestehen aus den Angaben Minimum – Optimum – Maximum.
1.
Da die Welt komplizierter ist als das Bild, das wir uns von ihr machen, braucht es täglich neues Nachjustieren. Guter Journalismus liefert Nachrichten, die von diesem ständigen Wandel der Dinge berichten.
Eine gängige Methode, den Verlauf von Ereignissen markant darzustellen, ist diese berühmte aufsteigende Linie in einem Diagramm, die vom Minimum ausgehend eine imaginäre Obergrenze des idealen Ausgleichs überschreitet, um auf ein Maximum des Unerträglichen zuzusteuern.
2.
Das gesellschaftliche Kernthema in Tirol ist mittlerweile eindeutig der Tourismus geworden. Obwohl täglich darüber gesprochen und berichtet wird, weigern sich viele mit Händen und Füßen, dieses Diagramm zur Kenntnis zu nehmen.
Da würde sich nämlich zeigen, dass bei manchem touristischen Parameter mittlerweile das Optimum überschritten ist und wir im sogenannten roten Bereich auf das letale Maximum zusteuern. Die öffentlichen Kanäle, die es durchaus in der Hand hätten, auf diesen roten Bereich hinzuweisen, scheuen sich freilich, das gnadenlos entlarvende Wort Overtourismus auszusprechen.
Geradezu empört weist der Wirtschaftslandesrat dieses Wort mit der sarkastischen Bemerkung zurück: Wer Overtourismus sehen will, muss nach Malle oder Barcelona fliegen.
Er bedenkt dabei nicht, dass Overtourismus nicht nur ein Begriff für Zahlen und Nächtigungen ist, sondern auch ein Gefühlsparameter. Wenn neben den Einheimischen zunehmend Gäste den Eindruck haben, dass ihnen im Urlaub schwarz vor Masse wird, dann befinden wir uns jenseits dessen, was man mühsam als Optimum herausgefunden hat.
Die Einheimischen im Zentralraum Innsbrucks sind anwachsend verärgert, dass gnadenlos die Zahlen nach oben getrieben werden und man das auch noch als Erfolg feiert, obwohl man sich teilweise schon den Ast der Akzeptanz für diese Erfolgsgeschichte absägt.
Während also die Bevölkerung an Samstagen mit Gehörschutz im Freien unterwegs ist, weil gerade 120 Maschinen am Stück landen und starten, bereitet das statistische Amt schon die Jubelmeldung vor: Sämtliche Regionalflughäfen Österreichs haben 2025 expandiert, nur Salzburg ist wegen der anhaltenden Reibereien mit dem benachbarten Freilassing etwas zurückgefallen. Der Zuwachs in Linz betrug überhaupt 43 %, Innsbruck wird mit 2,4 % als moderat ausgewiesen.
Interessant ist auch die Wortschöpfung Fluggastaufkommen. Dieses Fluggastaufkommen fällt nicht vom Himmel, sondern muss über Werbekampagnen erst einmal in die Luft gebracht werden.
In diesem Lichte wird die Tourismusabgabe wieder einmal zu einem Ärgernis, wenn nicht gar zur blanken Verhöhnung. Wie soll sich eine Physiotherapeutin in ihrem Studio im Nahbereich des Flughafens fühlen, wenn sie Tourismusabgabe zahlen muss, damit sie den Winter über anständig beschallt wird?
Im Dialekt sagt ein Verbitterter bei einer Protestversammlung: Zuerst hauen sie dir in die Gosche, und hintennach erzählen sie in den Medien, dass sie wieder besonders gut getroffen hätten.
Während der Wintermonate vergeht kaum eine Woche, wo nicht wieder sensationelle Zwischenzahlen heraus geplärrt werden. Besonders arg war es beim Start der Olympischen Spiele in Mailand und Cortina. Der ORF-Tirol berichtet zuerst vom Höhepunkt des Flughafens, als dieser den Abfertigungspeak elegant bewältigt. Aber kein Wort von den umliegenden Bewohnern, die gerade narrisch geworden sind.
Im Anschluss an diese Luft-Glücksmeldung wird in das Tirol-Center in Cortina geschaltet, wo die ewig grinsende Tourismus CEO sich nicht mehr einkriegt vor Glück, wen sie wieder alle eingewickelt und zu einem Urlaub nach Tirol bewegt hat.
3.
Ein Vorschlag zur Güte: Vielleicht könnte man die Optimum-Tabelle als Verständigung heranziehen und sich bemühen, es beim jetzigen Stand zu lassen.
– Das heißt, Abschaffung der Tourismusabgabe, weil das Optimum ja schon erreicht ist.
– Abrüstung der Touristiker bei kontraproduktiven Aktionen zur Maximierung,
– Aber vor allem Abrüstung bei der Verhöhnung der Nicht-Touristiker durch Jubel über die ungefragt Beschallten und vom Verkehr Verstopften.
Jedesmal, wenn die aufgeputschten Erfolgszahlen in die Kamera gegrinst werden, wendet sich wieder ein ganzer Haufen jener Menschen ab, die in Tirol trotz Tourismus irgendwie überleben wollen.
Bei einer Zeitgeschichte-Veranstaltung ließ ein Zeitzeuge für die 1980er Jahre neulich einen bemerkenswerten Vergleich fallen. Off the Record sagte er: Die Stimmung in Tirol erinnere ihn an die DDR vor dem Kollaps. Es wird gelogen, ausgehorcht und denunziert, wenn man nicht in den touristischen Jubelchor einstimmt. Ja, man könne sich an jedes Regime anpassen, aber man dürfe sich auch wünschen, dass es zu Lebzeiten noch vorbei ist.
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