Helmuth Schönauer
Das Amish-Handy
Oder:
Porno im Internet
Stichpunkt

Verbieten oder Einfrieren von Socialmedia oder Porno ist unmöglich. Was einmal aus der Tube herausgedrückt ist, muss ausgedrückt bleiben.

1. Privat oder Staat?

Schon seit Jahrhunderten ist Erziehung etwas Unangenehmes, dem sich überforderte oder unvermögende Elternteile oft nur durch Wegducken gestellt haben.

So haben sich die Vermögenden mit Privaterziehung der Kids aus der Affäre gezogen, während die Habenichtse ihre Kinder entweder der Straße zur Schulung oder einer Klosterschule zur Verwüstung der Seele anvertraut haben.

Der gegenwärtige Erziehungsmodus ist ein Mix aus zwei Denkschulen:
a) Erziehung wird durch Schule ersetzt
b) Erziehung wird zur Privatsache und Privatbeschulung

Die einen verwalten die Hilflosigkeit mit Verschulung der Gesellschaft, indem bei Problemen stets der Ausruf erfolgt:
Das muss man an der Schule machen! Und die anderen verwalten die Weltanschauung in den eigenen vier Wänden, indem sie dort ein mehr oder weniger skurriles Privat-Lebensmodell fahren.

So fordert im Osten Deutschlands die AfD den Privatunterricht von Kindern in den eigenen Wänden, nachdem Beschulung durch die DDR und Indoktrination durch die Demokratie das Glück der Kinder kaum befördert haben.



2. Socialmedia in den Händen von Kids

Allen Strategien zum Trotz steht freilich der Themenkoloss Socialmedia im Raum, dem niemand auf diesem Kontinent gewachsen zu sein scheint.

Die radikalen Lösungen sprechen sich für Verbote aus, die aber nicht zu exekutieren sind. So umgehen in Australien, wo der Zugang zu Socialmedia für Kids unter 16 reglementiert ist, mittlerweile 90 Prozent des Nachwuchses die Verbotsregeln, indem sie einfach schlauer am Display reagieren, als es die Altvorderen mit ihren Sperr-Apps für möglich gehalten hätten.

In Frankreich wurde gerade etwas beschlossen, das bis 15 diverse Sachen verbieten soll. Die EU bereitet mittlerweile ein Verbot mancher Socialmedia unter 14 Jahren vor. Diese EU-Verbote stoßen freilich auf große Angst vor amerikanischen Strafzöllen, wenn dadurch amerikanische Geschäftsmodelle auf Socialmedia berührt werden.

Aber auch viele Erziehungsberechtigte sind alarmiert, müssen sie doch befürchten, dass ihnen zu Hause die Herrschaft über die Kids entgleitet, wenn man ihnen das Handy stilllegt. Wer einmal gesehen hat, wie ein Kind toben kann, wenn man ihm die App wegnimmt, kann sich ausmalen, wie sich Jugendliche zu Hause aufführen, wenn sie nichts mehr zum Gambeln haben.

Ernüchtert fasst so mancher Erziehende die Sache mit dem Handyverbot so zusammen: Das ist, als wollten wir ein Amish-Handy in den Familien installieren. (Die Amischen gelten als streng religiöse Gruppe, die ihre Lebenskultur zu einem bestimmten Zeitpunkt eingefroren haben und seither mit Pferdewagen und mediävistischer Kleidung durch die Restprärien Amerikas fahren.)

3. Angst vor leeren Pornoseiten

Die Sorge um ein freies Internet gilt natürlich in der Hauptsache den Erwachsenen selbst, steht doch im Raum, dass ihnen der freie Zugang zu Pornoseiten verwehrt wird.

Denn gleiches Recht für alle Altersgruppen, denkt man sich in der EU. Wenn man den Kids den Zugang zu Socialmedia sperrt, muss man den Erwachsenen jenen zu ihren Pornoseiten sperren, denn auch diese können durch Scroll-Algorithmen lüstern und süchtig machen.

Der freie Zugang zu Pornoseiten soll nach jüngsten Überlegungen EU-weit eingeschränkt werden.

4. Innsbrucker Bürgermeister als Visionär

Wie schwierig der Umgang mit modernen Medien auch unter Erwachsenen ist, zeigt im Betätigungsfeld Politik der Innsbrucker Bürgermeister. Dieser rückt fallweise mit einer digitalen AI-Brille aus, um sein Wahlvolk aufzunehmen und zu Hause zu analysieren.

Provinziell, wie die Innsbrucker nun einmal sind, passt es den Untertanen überhaupt nicht , dass ihnen der Bürgermeister mit dem treuherzigen Blick eines Hüttenwirts in die Augen schaut und dabei die Lage durch die eigene Brille scannt.

Dabei nimmt er nur vorweg, was unausweichlich scheint. Wir Innsbrucker werden früher oder später alle als Bio-Chips unterwegs sein und uns gegenseitig auf Trab halten, damit wir brav und anständig bleiben. Oder es wieder werden.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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