Helmuth Schönauer
Amok treibende Kräfte
Stichpunkt
1.
Nach der Fassungslosigkeit über den Amoklauf an einer Grazer Schule kehren allmählich Journalisten, Glossisten und Beobachter zu einer vorsichtigen Sprache zurück. Das Unglück ist noch lange nicht bewältigt, schon gar nicht bei den Betroffenen. Etwas entfernter stehende Kreise sagen aber unisono, dass das öffentliche Leben nach der Sprachlosigkeit einen halbwegs erträglichen Umgang mit dem Ereignis gefunden hat.
So wurde der Reflex Verschärfung des Waffengesetzes, den wir dutzende Male an die USA gerichtet haben, im Parlament sofort umgesetzt. Diese Modifikation rund um den Waffenschein ist als eine Art Staatstrauer zu sehen. Es geht dabei weniger um die tatsächliche Wirkung, als vielmehr um die Formulierung eines würdevollen Beipackzettels zur Waffenausgabe, was vor allem für die Angehörigen der Opfer gedacht ist.
2.
Der nächste Schritt, der aus diversen Wortmeldungen herauszuhören ist, ist ebenfalls ein Reflex. – Mehr psychologisches Personal an den Schulen!
Nur wenn die psychische Gesundheit an den Schulen gewährleistet ist, kann die Schule gewaltfrei funktionieren!
Der Psychologie-Reflex hat in den letzten Jahren zugenommen. Was immer geschieht, es braucht eine psychologische Fachbetreuung, um das Problem verbal in den Griff zu bekommen.
3.
Und tatsächlich wird alles an die Psychologie ausgelagert, von der Justiz angefangen, die selbst nichts mehr entscheidet, weil sie alles über Gutachten abwickeln lässt, bis hin zur Berufswahl und später zur Qualifizierung für die Frührente. Überall, wo die Öffentlichkeit etwas regeln soll, machen das inzwischen die Gutachten.
4.
Bevor die hellen Köpfe der Gesellschaft ihr Leben freilich restlos den psychologischen Diensten überantworten, sollten sie selbst die diversen Sachverhalte analysieren, die im schlimmsten Fall zu einem Amoklauf führen. Zu diesem Zweck hat sich anlässlich eines Rentnerfrühstücks eine reife Truppe gegenseitig erzählt, was einen in eine Entgleisung treiben könnte, wenn beispielsweise der Tag heiß ist und man Zugang zu einer Waffe hätte.
– Der Witzbold der Runde meint, wenn das Wort Amok gegendert wird in Amokin, dann laufe ich heiß!
– Der Rundfunkgeschädigte erzählt, dass ihm jedes Mal der Blutdruck aus den Adern springt, wenn er ohne Übergang zwischen Nachrichten und Werbung hin und her geschoben wird ohne Realitätscheck. Und das alles mit Zwangsgebühren!
– Der Flughafengeschädigte sieht rot, wenn der schwarze Wirtschaftslandesrat den Ausbau des Flughafens fordert, ohne zu überlegen, welche Erregung er bei den Anliegern hinterlässt. Nur damit es in den Hotels schöne Touristenbetten gibt, können viele in ihren angestammten Betten nicht mehr schlafen, wenn die Lärmtouristen einfliegen!
– Der Hörgeschädigte explodiert, wenn er gerade über einen am Gehsteig liegenden E-Scooter gestolpert ist und im gleichen Augenblick schon vom nächsten Scooter von hinten angefahren wird.
Die Rentner sind sich einig, dass es gerade die sogenannten Kleinigkeiten sind, die ein Amok-Gefühl aufkeimen lassen, bis schließlich die Ohnmacht die Überhand gewinnt. Denn das Schlimmste ist das Gefühl, dass alles immer mehr, lauter, voller und unkontrollierbarer wird.
Niemand von den Rentnern kann ausschließen, dass ihm die Amok-Kräfte oft sehr nahe an den Leib rücken. Manche lassen sich beim Waffenhändler schon diverse Eisen zeigen, die zumindest beim Probe-Anfassen eine kühlende Wirkung haben.
5.
Ähnlich den Rentnern ergeht es natürlich auch den Kids, die ständig von diesem Gefühl der Ohnmacht überrollt werden. Und die Gesellschaft tut alles, um dieses Ungemach zu verstärken. Zwei kleine Meldungen:
– Motorhauben von SUV sind mittlerweile so hoch, dass man Kinder leichter überfahren kann, weil man sie als Fahrer nicht mehr sieht.
– Arme Kinder leiden öfter an Adipositas als reiche, aber die Lebensmittelindustrie bleibt bei ihrem Geschäftsmodell und weigert sich, den Nutri Score auf die Verpackung zu drucken.
Für die Folgen beider Nachrichten brauchen wir demnächst wieder psychologische Betreuung, wollen wir den Schaden an überfahrenen oder überfressenen Kindern wieder gutmachen. Die Motive für einen Amoklauf nehmen verlässlich zu.
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