Helmuth Schönauer
Alles ist so blau blau blau!
Der Bischof predigt
beim Gauderfest.
Stichpunkt

Mit Bürokratie gegen die Blauen, das ist eine Gaudi.

1.
Rund um das berüchtigte Gauderfest in Zell am Ziller geraten jährlich Fingerhakler und andere Kraftprotze aneinander, um die über den Winter aufgebauten Kräfte im Frühjahrslicht zur Schau zu stellen.

Auch eine sogenannte intellektuelle Auseinandersetzung mit der Weltlage findet statt, indem ein klug ausgewählter derber Witzbold Hochgeistiges von sich gibt. Heuer war es ein künstlicher Blauschurz, der einen Südtiroler imitierte.

Und auch die Prominenz lässt sich mit klugen Wortspenden nicht lumpen und gibt mit hochrotem Kopf feine Sachen von sich.

Höhepunkt der Intellektualität ist heuer eine kurze Konfrontation zwischen dem Bischof von Westtirol und einem blauen Nationalrat für Gesamt-Zillertal.

Der Bischof, vermutlich als Vertreter einer der größten Immobiliengesellschaften des Landes zu einer Wortspende an bodenständiges Personal eingeladen, warnt ausführlich vor einfachen Lösungen und Menschen, die das Blaue vom Himmel versprechen.

Die meisten lassen diese Formulierung über sich ergehen und vermuten, dass sich der Bischof selbst gemeint hat – als Blau-Versprecher mit einfachen Jenseits-Lösungen.

Der irdische blaue Widerpart freilich empfiehlt dem Bischof, als Kirchenvertreter nicht so politisch zu sein, sonst solle er gleich zu den Grünen gehen.

Über die Auseinandersetzung wird tapfer berichtet bis hin zum schönen Handschlag der beiden, sie wollen demnächst gemeinsam Kuchen und Kaffee verzehren.



2.

Ein paar Tage später ist wieder politischer Alltag im Land, aber es hängt immer noch der Satz von den einfachen Lösungen in der Luft.

Warum gehen die Leute massenhaft zu jener Partei, die in einfachen Sätzen darauf hinweist, dass die Politik gegenwärtig alles mit Bürokratie, Verschleierung und Verfloskelung erstickt?

Im Morgenjournal (12.5.) wird etwa berichtet, dass die Regierung die Mehrwertsteuer für einige Grundnahrungsmittel senken werde. Als Gegenfinanzierung kommt eine sogenannte Paketabgabe.

Und jetzt kommt’s, ‒ die Ausnahmen für diese Paketabgabe sind so groß, dass das Morgenjournal schon beendet ist, da liest der Nachrichtensprecher immer noch die Liste mit den Ausnahmen herunter.

Kann man es den Menschen verübeln, dass sie täglich auf den Bischof pfeifen und zu den Blauen gehen, weil sie es einfach satt haben, mit komplizierten Regelungen täglich niederpallavert zu werden? Was für ein bürokratischer Aufwand für eine Paketabgabe, die sich im Cent-Bereich bewegt!

Liest in der Regierung überhaupt jemand den Semmel durch, den sie jeden Tag verzapft, oder ist das ein gezieltes Gegenrezept gegen einfache Lösungen, ‒ also das Anti-Blaue vom Himmel, das ununterbrochen versprochen wird?

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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