Helmut Schiestl
Weihnachten
Erzählung
Walter spazierte durch die Straßen seiner Heimatstadt, die er an diesem Heiligen Abend wieder einmal besucht hatte. Er sah kurz zu den Fenstern des Hauses hinauf, in dem Christiane, seine heimliche Liebe, wohnte. Ob die jetzt wohl da ist, und mich womöglich heimlich beobachtet, wie ich da so durch die Straße gehe, fragte er sich. Wahrscheinlich nicht, dachte er weiter, aber bei ihr zu läuten, hätte er sich doch nicht getraut, nicht bei dem Stand ihrer Bekanntschaft. Wäre sie dagewesen und hätte ihn heraufgerufen, also das Fenster geöffnet und gesagt: Walter, komm doch herauf und trink einen Punsch mit mir! oder Walter, möchtest du nicht mit mir auf das Weihnachtsfest anstoßen? so wäre er natürlich zu Christiane hinaufgegangen und hätte mit ihr auf das Weihnachtsfest angestoßen und eine Flasche Wein mit ihr getrunken oder eben einen Punsch, und hätte dabei wahrscheinlich sein Herz an ihrem Busen ausgeleert. Aber so konnte das natürlich nicht geschehen. So ging er einfach weiter und dachte nicht mehr daran, auch wenn er vor wenigen Stunden noch aus dem Hotel, in das er vor seinen Eltern, die ihn hinausgeworfen hatten, geflüchtet war, verzweifelt ihre Nummer angerufen hatte.
Die kleine süße Maus, dachte Walter, wo sie jetzt wohl sein wird und in wessen Armen liegen und es sich gut gehen lässt? Auch letzte Nacht hatte er nicht von Christiane geträumt, obwohl er sie gernhatte, wirklich gern. Aber er träumte nie von den Menschen und Dingen, die er mochte oder gar liebte, oder nur höchst selten. Er hatte keine Ahnung, warum das so war. Es war einfach so. Christiane hätte ihm das mit ihrem Psychologiestudium sicher erklären können. Vielleicht wäre dabei nichts Schmeichelhaftes für ihn herausgekommen. Nichts für eine von ihm ins Auge gefasste sexuelle Zweisamkeit Förderliches, dachte er. Also sollte er sich auch nicht weiter mit diesen Dingen beschäftigen.
Wir kennen dich nicht, lass uns in Ruh!, hatten die alten Leutchen , die seine Eltern waren, aber diese Tatsache anscheinend gar nicht mehr so richtig zu realisieren schienen, weil sie wohl beide schon längere Zeit dement waren, an diesem sogenannten Heiligen Abend zu ihm gesagt. Anscheinend wollten sie von ihrer Elternschaft einfach nichts mehr wissen und sagten deshalb zu ihm, dass er verschwinden solle, dazu sang Andrea Bocelli im Fernsehen das herzzerreißendste Ave-Maria, das er je gehört hatte. Und er war daraufhin in ein Hotel gegangen, da er schon mal in der Stadt weilte und an diesem Abend nicht mehr zurückfahren wollte.
Im Hotel war es schön. Er wünschte der Rezeptionistin ein frohes Fest, ehe er sich von ihr ein Telefonbuch geben ließ und darin mit zittrigen Fingern nach Christianes Telefonnummer suchte, die er noch nie angerufen hatte, die ihm aber heute, so dachte er, wohl unmöglich einen Korb geben konnte.
Als er sie schließlich fand, wählte er zaghaft und angespannt ihre Nummer und überlegte verzweifelt, was er ihr, so er sie überhaupt erreichte, denn nun eigentlich sagen sollte. Nun, zu einem Fröhliche Weihnachten! hätte es wohl immer noch gereicht. Trotzdem war er fast erleichtert, als sich niemand meldete und er den Telefonhörer wieder auflegte.
Dann besann er sich, nahm nochmals das dicke schwere Telefonbuch und wählte die Nummer einer Begleitagentur, doch auch dort erklang nichts außer ein auf Band gesprochenes Leider ist unser Büro während der Feiertage nicht besetzt. Wir nehmen aber ihre Wünsche für Silvester und Neujahr gerne entgegen, wenn sie diese auf unser Band sprechen und setzen uns dann mit Ihnen in Verbindung. Also auch hier nichts. So blieb nur mehr die Telefonseelsorge, oder er unterhielt sich mit der Rezeptionistin, die aber alle Hände voll zu tun hatte. Also ließ er es sein und ging zurück auf sein Zimmer.
Er zog die beiden Sternspritzer aus seiner Rocktasche, die er von zu Hause noch mitgenommen hatte und zündete sie an. Saß mit diesen unverwechselbar weihnachtliche Stimmung verbreitenden Wunderkerzen auf dem Hotelbett und sang Stille Nacht, Heilige Nacht, wie er es zu Hause schon zig Jahre nicht mehr gesungen hatte. Dann öffnete er das Fenster und sah in die sternenklare Nacht hinaus. Er schaltete den Fernseher ein, wo eine kitschige Weihnachtsshow lief mit als Engel verkleideten Kindern, die Weihnachtslieder sangen, und jeder Menge Show- und Schlagerstars, das Übliche eben, was anderes konnte man sich an diesem Tag wohl auch nicht erwarten.
In einem anderen Programm lief eine Sendung über Schwerbehinderte, deren Leid einen wahrscheinlich zu Tränen rühren sollte, damit das Spendengeld auf die diversen immer wieder eingeblendeten Spendenkonten fließen konnte, so wie ein Stromkreis, dachte er, oder ein Fluss, den man zur Erzeugung von Energie umleitete.
Er schaltete den Apparat wieder aus. Wenn jetzt wenigstens das Zimmermädchen gekommen wäre und ihm Gesellschaft geleistet hätte, egal wie es aussah. Nur ein bisschen geredet mit ihm. Aber es kam kein Zimmermädchen. Das hatte jetzt wahrscheinlich auch schon frei und feierte zu Hause bei seinen Lieben.
Walter ging in das Restaurant hinüber, ohne das kitschige Wachs-Christkind, das im Eingangsbereich der Rezeption mit ein paar Tannenzweigen drapiert in einer Mauernische lag und ihm schon bei seinem Eintritt als eine stille Aufforderung zur Päderastie vorgekommen war, noch eines Blickes zu würdigen. Er sah nur in das Aquarium hinein, das in der Mitte des Restaurants stand, in dem die Fische schwammen, die hernach auf den Tellern der Gäste landen mochten.
Er setzte sich an einen leeren Tisch, ließ sich ein Stück Truthahn servieren, und beobachtete dabei die Hotelgäste. Wie das in ihre Teller hineindrapierte Gekochte und Gebratene, Gedünstete und Geschmorte, Gesalzene und Gesülzte langsam aber stetig in ihre Münder hinein verschwand, wo es dann in unterschiedlichen Geschwindigkeiten zerkaut wurde. Offen gesagt war es alles einerlei. Egal ob hier oder dort. Walter aß den Truthahn mit viel Gebäck und lächelte vor sich hin wie ein einsamer Gott. Aus einem Lautsprecher klangen weihnachtliche Lieder. Auch ein Weihnachtsmann war zugegen und beschenkte die anwesenden Kinder und teilweise auch die Erwachsenen, die diese Geschenke wahrscheinlich schon vorher bei der Buchung ihrer Reise bestellt hatten.
Er dachte an seine Eltern. Sie mochten jetzt zu Hause vor ihrer Glotze sitzen, so wie andere vor ihren Computerbildschirmen, und darin das ihnen Vorgesetzte betrachten, so als wäre es ihr eigenes Leben oder hätte mit diesem zu tun gehabt. Egal, es war ihr Leben und ging ihn nichts mehr an. Wenn sie hernach beim Essen ihr Tischtuch bekleckerten, dann war es ihr Tischtuch gewesen und nicht seines, und wenn sie vor dem Schlafengehen noch ihre Zahnprothesen in ihre vom vielen Kalk schon gelb gewordenen Zahnputzbecher hineinlegten, dann war das eben ihr Leben und nicht seines gewesen. So war er allein. So ging er ihnen nicht ab und sie ihm auch nicht. So trank er jetzt den Wein und war allein mit sich.
Hoffte er noch? War hoffen überhaupt noch eine Größe, die es verdiente, dass man sie pflegte, dass man sich ihrer für ein besseres Leben bediente? Er genoss den Rauch der ausgeblasenen Tischkerze. Etwas, was er schon immer gern getan hatte. So floss der Heilige Abend aus ihm heraus wie ein süffisanter Spott. Er erwiderte das Lächeln des Serviermädchens unsicher und sah in seine schönen Augen. Auch das tat ihm schließlich weh, weil es ihm etwas zu versprechen schien, was nachher nicht eingehalten werden konnte. Weil es ihm fremd war.
Und jetzt ging Walter wieder durch die Straßen der kleinen Stadt, die ihm mittlerweile ebenso fremd geworden war und genoss die frische mitternächtliche Luft. Und ging wieder durch die Straße, in der Christiane wohnte. Er sah an dem Haus empor, einige Fenster waren hell erleuchtet, andere nicht. Hätte er jetzt noch ihren Namen rufen sollen? Er überlegte kurz und ging dann weiter. Er hatte noch immer das Gefühl, dass noch alles vor ihm lag, und er sicher noch einmal Gelegenheit haben würde, mit ihr auf einem Fest oder einer Party anzustoßen und vielleicht sogar mit seiner Fingerspitze den zarten Flaum ihres Unterarms zu streicheln.
Als er wieder ins Hotel zurückgekommen und auf sein Zimmer gegangen war, verspürte er mit einem Mal einen heftigen Brechreiz. Er ging sofort auf die Toilette und kotzte alles heraus, was er am Abend gegessen hatte. Danach war ihm wieder besser. Er öffnete das Fenster und betrachtete die Sterne. Er schloss es wieder und legte sich auf das Bett. Kein Drücken war mehr in seinem Körper, kein Schmerz, kein Unwohlsein. Er wusste, dass sein Körper bereit war und offen für alles. Er schloss die Augen und wartete bis das Zimmermädchen hereinkam und ihm sanft über die Augen strich. Sich vor ihm entkleidete und sich mit ihrem nackten Körper auf ihn legte. Er zog sie zu sich und küsste sie auf ihre Lippen. Dann spürte er ihre Zunge, wie sie die seine berührte. Und dann fiel er in tiefen Schlaf.
Am nächsten Morgen war Walter gleich um sieben aufgestanden, hatte sich gewaschen, sich seine Kleider angezogen und war hinuntergegangen in die Rezeption, um dort seine Rechnung zu bezahlen. Das Frühstück, das ihm noch zugestanden wäre, hatte er nicht mehr genommen. Er wollte es irgendwo in der Stadt in einem Café einnehmen. Er war in den winterkalten Morgen hinausgetreten und schnellen Schrittes ins Zentrum gegangen. Es waren kaum Menschen auf der Straße. Für einen Christtagmorgen nichts Ungewöhnliches, zumindest nicht für eine kleine Stadt; dachte er.
Schließlich fand er ein Café, das offen hatte. Er ging hinein und bestellte sich ein Frühstück. Das Café war ebenso menschenleer wie die Straßen. Er genoss diese Menschenleere und vertiefte sich in einer der vielen im Café liegenden Tageszeitungen. Durch das Lesen der Zeitung spürte er, wie wieder Ordnung in seine Gedanken gekommen war. Es offenbarte sich alles in seiner vollen Tragweite und ohne weitere Bestürzung. Und als er das Café wieder verließ, tauchte die Morgendämmerung die Berge in ein rotes grelles und fast bedrohliches Licht.
Er ging schnellen Schrittes zum Bahnhof und bestieg den Zug, der ihn wieder in die Stadt, in der er wohnte, bringen sollte. Zu Hause angekommen, ging er ganz langsam und bedächtig, so als beträte er sie zum ersten Mal, die Stiege zu seiner Wohnung hoch. Und in dieser war der Mief der letzten unaufgeräumten Stunden, die er in ihr verbracht hatte. Auf dem Tisch lag noch eine aufgeschlagene Zeitung mit einer darin abgebildeten Weihnachtskrippe, bei der die Schafe fehlten. Das fiel ihm jetzt auf. Sonst war alles in Ordnung.
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eine sehr melancholische weihnachtsgeschichte – typisch helmut schiestl, sage ich, mit vielen wünschen ausstaffiert, die zu denken geben.