Helmut Schiestl
Sehnsucht in Sangerhausen
Filmbesprechung
Es gibt Filme, die einen erst im Laufe ihrer Geschichte zu interessieren beginnen. Gar nicht so sehr wegen einer spannenden Story, sondern weil ihre Protagonisten und Protagonistinnen sympathisch sind, meist keinen so guten Lauf haben und sich manches einfach gegen sie verschworen zu haben scheint.
Ein Beispiel ist der Film Sehnsucht in Sangerhausen, der in der etwas verschlafenen Kleinstadt Sangerhausen in Sachsen-Anhalt spielt, die wahrscheinlich nur guten DDR-Kennern wegen ihres Bergbaues und der Kyffhäuser-Felsen etwas sagen wird.
Eingeleitet wird die Geschichte mit einer kleinen Zeitreise in die Vergangenheit. Wir gehen zurück ins späte 18. Jahrhundert und blicken auf das Leben von Lotte, einer Kammerdienerin des Philosophen und Schriftstellers Novalis, die flüchten möchte, weil sie es nicht mehr aushält: In Frankreich ist gerade die Revolution ausgebrochen, und da will sie mit ihrem Steine schluckenden Freund, der mit dieser Gabe als Attraktion in dem damals noch kleinen Ort auftritt, dabei sein wenn die Köpfe rollen.
Das alles gleitet an uns vorüber, entwickelt aber mit der Zeit doch einen Sog und macht uns neugierig, nicht zuletzt der beeindruckenden Bilder wegen, ehe wir dann wieder zurück in die Gegenwart in das Leben von Ursula katapultiert werden.
Mit ihr hat es das Leben bisher nicht so gut gemeint, sie schlägt sich als Reinigungsfrau in einem Möbelhaus und zusätzlich noch als Kellnerin durch, wo sie sich von meist älteren männlichen Touristen blöd anreden lassen muss, während ihre sechzehnjährige Tochter inzwischen zur Ausbildung nach Halle gezogen ist.
Da kommt eine Gruppe junger Musiker in die Stadt, sie geben ein Konzert, Ursula verliebt sich in eine der Musikerinnen und bietet ihr an, die Gruppe am nächsten Morgen zum Bahnhof zu bringen. Als sie am nächsten Morgen zum Hotel kommt, sind alle schon weg, und sie findet am Bahnhof nur mehr den achtlos abgelegten Stein, den sie der jungen Musikerin am Vorabend geschenkt hat.
In der zweiten Episode kommt Neda ins Spiel, eine aus dem Iran geflüchtete Schauspielerin, die sich als Reise-Influencerin durchschlägt, weil ihr Flüchtlings-Status es ihr unmöglich macht, in ihrem eigentlichen Beruf zu arbeiten.
Der dritte im Bunde ist ein in Sangerhausen gestrandeter Koreaner, der mit seinem Enkelkind und einem Kleinbus Führungen abseits der sogenannten touristischen Pfade anbietet, wobei das in Sangerhausen nicht viel heißt: Es gibt höchstens das Kyffhäuser-Denkmal und die Abraumhalde des ehemaligen Kupferbergwerks, was Sung Nam aber zum Leidwesen von Neda nicht im Programm hat. Ihm geht es mehr um das Geheimnisvolle und um Überraschungsorte, wo er die beiden Frauen dann hinführt.
Der Film erinnert sehr melancholisch an die frühere Zeit, als die Stadt eben noch als Bergbaustadt etwas hermachte. Auch alte Straßenschilder wie etwa Straße der Völkerverständigung kommen dabei ins Bild. Und der Stein stinkt nach Schwefel, wie Guide Sung Nam es ausdrückt, was dann die Überraschung sein soll, die er schon beim Start der Tour angekündigt hat.
Der Stein hat es überhaupt allen angetan: Wird dieser doch schon im ersten Kapitel über Novalis und seine Dienerin von deren Freund verspeist, und auch später dann, etwa in der Begegnung Ursulas mit der jungen Musikerin spielt er eine wichtige Rolle.
Also nicht die Blaue Blume der Romantik ist es, die hier gefunden wird, sondern der Stein treibt die Handlung voran. Er wird gefunden und dann wieder achtlos weggelegt, um dann später vielleicht wiederzukehren.

DE 2025
REGIE: Julian Radlmaier
Kamera: Faraz Fesharaki
Darsteller und Darstellerinnen: Clara Schwinning, Marlene Hauser, Maral Keshavarz
Dauer 90min
Fassung: Deutsche Originalfassung
Leokino Donnerstag 16.04.2026. 18:30 Uhr
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