Helmut Schiestl
Regina Schillings Film
„Ingeborg Bachmann, jemand,
der ich einmal war.“
Besprechung


Ingeborg Bachmann, jemand, der ich einmal war
ist ein etwas eigenartiges filmisches Porträt der deutschen Dokumentarfilmregisseurin Regina Schilling, die sich bisher mit Ikonen der deutschen Nachkriegsfernsehunterhaltung wie Hans Joachim Kulenkampff, Peter Alexander oder Hans Rosenthal kritisch auseinandergesetzt hat und jetzt über die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann, die heuer ihren hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, ein etwas eigenwilliges Porträt gestaltet hat.

Nicht reine Dokumentation, aber auch kein Spielfilm. Die Schauspielerin Sandra Hüller spielt darin Szenen aus dem Leben der Autorin, zum Teil tanzt sie diese auch.

Nun ist Sandra Hüller ja eine ausgezeichnete Schauspielerin, die in den letzten Jahren in vielen tollen Rollen zu sehen war, zuletzt etwa als Rose im gleichnamigen Film von Markus Schleinzer.

In dieser neuen Art der Besetzung kam das, zumindest für mich, seltsam herüber und schien mir etwas unrund. In einem Interview sagte Hüller selbst, sie würde sich nicht anmaßen, in die Rolle der berühmten Autorin zu schlüpfen.

So bleibt das Ganze für mich etwas unentschlossen, hat aber doch dokumentarischen Wert, etwa in den Originalaufnahmen von Bachmann bei Interviews und Lesungsausschnitten, zum Beispiel bei ihrem Auftritt in der legendären Gruppe 47.

Ihre Lebensgefährten wie der Schweizer Autor Max Frisch und der Komponist Hans Werner Henze kommen im Film ebenfalls kurz zu Wort, wie auch Musik Henzes zu hören ist. Bachmann hat Librettos zu seinen Opern geschrieben, die leider in Österreich kaum aufgeführt werden, in Innsbruck, glaube ich, überhaupt noch nie.

Als weiterer Soundtrack ist im Film auch Musik von der multitalentierten Sängerin und Komponistin Anja Plaschg alias Soap & Skin zu hören, die Bachmann in dem etwas eigenwilligen Porträt von Ruth Beckermann Die Geträumten, der den Briefwechsel von Bachmann mit dem Lyriker Paul Celan zum Inhalt hat, verwendete.

Bilder von Rom, wo Bachmann ja schon seit den 1950-er Jahren gelebt hat und wo sie auch gestorben ist, illustrieren den Film und vermitteln gerade durch frühe S/W-Aufnahmen das Flair der 1970-er-Jahre in der italienischen Hauptstadt.

Alles in allem: Ein schön getaktetes Porträt der Autorin, die wohl immer noch ihre Leserinnen und Leser hat, und über deren Texte sich wohl noch länger als eine Filmlänge philosophieren lässt.

Hingewiesen sei in dieser Besprechung vielleicht auch noch auf das schöne Biopic über Ingeborg Bachmann Reise in die Wüste von Margareta von Trotta mit Vicky Krieps in der Hauptrolle der Schriftstellerin, das ORF2 am Sonntag den 28. Juni ausgestrahlt hat und in der TV-Thek noch länger zu sehen sein wird.


Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

Leokino. DE, AT 2026
Buch und Regie
Regina Schilling
Kamera
Johann Feindt
Darstellerin
Sandra Hüller
Dauer: 95min
Fassung: deutsche Originalfassung

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Helmut Schiestl

Geboren 1954 in Hall in Tirol. Bis 2019 beschäftigt an der Universität Innsbruck. Zuletzt am Innsbrucker Zeitungsarchiv des Instituts für Germanistik. Zahlreiche Publikationen und Veröffentlichungen in Tiroler Literaturzeitschriften und Anthologien sowie im ORF. Bücher: "Hirnkrebs", 1991 Tiroler Autorinnen- und Autoren-Kooperative. "Der Lotusblütenesser", 1992, Edition Himmelmeer. "Porträt des Schriftstellers als armer Wurstel", 2001 Edition Skarabäus.

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