Helmut Schiestl
Michael Melville
Fallschirmseide
Roman
Besprechung
Der in Innsbruck geborene und mittlerweile in Großbritannien lebende Schriftsteller Michael Melville hat kürzlich im Drava Verlag einen Roman über die Operation Greenup geschrieben, bei der es dem von der deutschen Wehrmacht desertierten Franz Weber zusammen mit dem aus Freiburg im Breisgau geflohenen Fred Mayer und dem Niederländer Hans Wijnberg gelang, von Oberperfuß aus eine Widerstandsgruppe aufzubauen, mit der NS-Herrschaft eine Kapitulation auszuhandeln und damit in den letzten Kriegstagen 1945 Innsbruck vor einer gewaltsamen militärischen Eroberung zu bewahren.
Dem Autor gelingt es, diese Geschichte sehr spannend zu erzählen und auch das Flair der Orte wiederzugeben, in denen der Roman spielt und die man als Innsbrucker ja alle kennt. Ein brisantes Thema der Tiroler Zeitgeschichte, das erst seit einigen Jahren durch das wichtige Buch des Zeitgeschichtlers Peter Pirker Codename Brooklyn bekannt geworden ist.
So gelang es Weber, seine beiden Kollegen Mayer und Winbergen nach einem waghalsigen Landemanöver in den Sellrainer Gletschern in seinem Heimatort Oberperfuß in einem Bauernhof einzuquartieren und so Kontakt mit dem Widerstand in Tirol aufzunehmen. Auch die Verlobte Webers und deren Mutter trugen durch ihr Mitwirken einen nicht unerheblichen Anteil am Gelingen der Operation bei. Spannend beschreibt der Autor diese Ereignisse, klar und ohne viel Ausschmückung, so dass man sie auch als Nachgeborener gut nachvollziehen kann.
Fast ein wenig zu amikal erscheint mir dann die Festnahme von Gauleiter Hofer und die Verhandlungen mit seinem Kumpanen Primbs gegen Ende des Buches. Aber vielleicht hat man da als Leser auch nur Vorurteile, und die beiden Nazigrößen waren natürlich nur mehr daran interessiert, ihre Haut zu retten, da sie ja eingesehen hatten, dass es aus und vorbei war mit dem Nationalsozialismus. Und viel ist etwa Gauleiter Hofer nach dem Krieg dann ja auch nicht passiert. Er flüchtete bei Kriegsende zuerst unter falschem Namen und führte dann in Deutschland ein Unternehmen.
Beeindruckend auch die Schilderungen des Alltags in Innsbruck und seiner Umgebung in den letzten Kriegstagen. Da merkt man schon sehr viel von der Recherchearbeit des Autors, etwa ein Nachverfolgen der Wetterberichte in den damaligen Zeitungen, ob der Winter streng war oder ob es im April noch Schneefall gab.
Und die Protagonisten, vor allem auch die Protagonistinnen, die in der ganzen Aktion eine wichtige Rolle spielten, indem sie Quartiere beschafften, Botschaften und Informationen weitertrugen, sind in ihrer persönlichen Vielschichtigkeit geschildert: wie sie zu jenen wurden, die sie dann waren und die handelten. Vor allem Fred Mayer, der auch unter der Folter niemanden verriet.
Kurzum: ein spannendes Buch über eine große und Vieles verändernde Zeit in Tirol, wo dann gleich einmal aus vielen Tätern Mitläufer oder von allem Nichts-gewusst-Habende wurden.

Michael Melville: Fallschirmseide. Roman. Drava Verlag. Klagenfurt, 2025. 234. S. 24 Euro
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