Helmut Schiestl
"Gentle Monster" von Marie Kreutzer
Filmbesprechung

Hohe Erwartungen gegenüber einem Film, der vergangenes Wochenende in den österreichischen Kinos angelaufen ist und das Thema Kindesmissbrauch zum Motiv hat. Vor allem weil gerade wieder eine Diskussion darüber in den Medien aufgeflammt ist.

Nach Florian Teichtmeister hat es ja erst kürzlich wieder einen Prominenten aus Österreich erwischt, dem man das nicht zugetraut hätte. Und eben dieses Verb ist es, das die ganze Diskussion über das Thema immer wieder von Neuem beherrscht. Wem kann man so etwas zutrauen, wer ist darin auffällig oder dafür anfällig?

In Gentle Monster geht es um eine junge Sängerin und Pianistin mit Namen Lucy, Mutter eines ca. achtjährigen Sohnes, während ihr Mann Philipp als nicht besonders erfolgreicher Filmemacher zum Leben der Familie beisteuert.

Da erscheint eines schönen Morgens ein Trupp aus Polizisten und Polizistinnen in ihrer Villa und beschlagnahmen Computer und Datenmaterial. Philipp wird in Untersuchungshaft genommen. Es geht um Kinderpornographie, die Philipp gespeichert haben soll.

Wie das ganze aufgeflogen ist, bleibt im Film auch unerwähnt. Aber für Lucy bricht erst einmal eine Welt zusammen. Kann sie ihrem Mann noch trauen? Was steht dahinter, hat er auch den Sohn missbraucht, einschlägige Filme über ihn gemacht?

Not macht erfinderisch. Und so versucht sich Philipp damit herauszureden, dass er Geld für die Villa gebraucht hätte und deshalb mit dem kinderpornographischen Material gedealt hätte. Wohl eher eine Lüge, die dann auch bald zusammenbricht wie ein Kartenhaus.

Wobei man sagen muss, dass die Person Philipps, also des Täters, im Film etwas zu sehr unterbelichtet bleibt, was die Regisseurin aber beabsichtigt hat. Es ginge ihr in dem Film nicht um den oder die Täter, sagte sie in Interviews, auch nicht so sehr um die Opfer, sondern mehr um die patriarchalen Machtsysteme und Mechanismen.

Überspitzt könnte man jetzt sagen, ein Frauenfilm oder ein Film, der die feministische Sicht auf diese Problematik zeigt. Das kann man gut und auch berechtigt finden, auch wenn es vielleicht nicht unbedingt den Erwartungen der Zuschauer und Zuschauerinnen entsprechen mag.

Hervorragend gespielt, vor allem von den beiden französischen Schauspielerinnen Léa Seydoux und der Grande Dame des französischen Kinos, Catherine Deneuve, vermag der Film dennoch zu überzeugen, wenn er etwa die Frage aufwirft, ob man seinem Partner noch trauen kann. Oder wie gut kennt man diesen wirklich? Und wie weit ist man bereit, selbst wenn es um ein verwerfliches Verbrechen geht, diesem auch noch die krudesten Geschichten zu glauben, wie es doch auch gewesen sein könnte, um das Schlimmste von sich selbst abzuwehren.

Auch die junge Polizistin, die mit der Aufklärung des Falles betraut ist macht ihre Sache gut, hat selbst ein Missbrauchs-Problem am Hals, und zwar in Form ihres dementen Vaters, der das aus Osteuropa kommende weibliche Pflegepersonal begrapscht, sodass sie immer wieder neues Personal für ihn organisieren muss und am Ende mit einer höheren Bezahlung für die gerade aktuell arbeitende Pflegekraft zu regeln versucht.

Manche Kritiken haben diese Nebenhandlung als für den Film überflüssig und der Geschichte auch nicht dienlich angesehen, vor allem, wenn man das vertrauliche Verhältnis miteinbezieht, das die Polizistin, noch während die Untersuchungen laufen, mit Lucy aufbaut, was so im Polizeialltag wohl eher nicht die Regel sein dürfte.

So ist diese Geschichte wohl eben vor allem dem solidarisch-weiblichen Blick auf sexuellen Missbrauch geschuldet und wie die Frauen selbst damit umgehen. Der Film bleibt spannend bis zur letzten Minute. Gibt Fragen auf, lässt vorschnelle Antworten nicht gelten.


Gentle Monster
Leokino, Metropol und Cineplex
AT, DE, FR 2026
REGIE: Marie Kreutzer
BUCH: Marie Kreutzer
Kamera: Judith Kaufmann
Darsteller: Léa Seydoux, Catherine Deneuve, Jella Haase, Laurence Rupp, Malo Blanchet
Dauer: 115min
Fassung: deutsch französisch englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

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Helmut Schiestl

Geboren 1954 in Hall in Tirol. Bis 2019 beschäftigt an der Universität Innsbruck. Zuletzt am Innsbrucker Zeitungsarchiv des Instituts für Germanistik. Zahlreiche Publikationen und Veröffentlichungen in Tiroler Literaturzeitschriften und Anthologien sowie im ORF. Bücher: "Hirnkrebs", 1991 Tiroler Autorinnen- und Autoren-Kooperative. "Der Lotusblütenesser", 1992, Edition Himmelmeer. "Porträt des Schriftstellers als armer Wurstel", 2001 Edition Skarabäus.

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