Helmut Schiestl
"Gelbe Briefe" von İlker Çatak
Filmbesprechung
Dieser Film zeigt ein ganz anderes Türkeibild: nicht patriarchale und konservative Familienstrukturen prägen die Handlung, sondern ein fortschrittlich-liberales Künstler-Ehepaar, Aziz und Derya, das mit seiner halbwüchsigen Tochter nach politischen Unruhen – wahrscheinlich sind damit die Putschversuche gegen Erdogan 2016 gemeint, aber das bleibt im Film offen! – in seiner Arbeit am Staatstheater in Ankara jäh unterbrochen wird.
Sie sind beide Schauspieler, Aziz auch noch Uni-Professor und Autor, und sie können ihre kritischen Stücke nicht mehr spielen, und werden entlassen. Aziz verdingt sich als Taxifahrer, Derya gelingt es gegen Ende des Films als Darstellerin in einer TV-Serie unterzukommen.
Das Ehepaar zieht – bisher in Ankara wohnend – zu Aziz‘ Mutter in das liberalere Istanbul, und es kommt zu einem Prozess gegen Aziz wegen Aufruhr und Beleidigung des Staates, der bewusst in die Länge gezogen wird, es kommt zu keinem Urteil, aber sowohl die künstlerische Karriere als auch das familiäre Zusammenleben der beiden geht dabei in die Brüche.
Das alles ist sehr gut und nachvollziehbar umgesetzt. Der Film wurde in Berlin und Hamburg gedreht, nicht zuletzt, weil es in der Türkei für das Team zu gefährlich gewesen wäre. Aber das war laut Regisseur İlker Çatak, wie er im Interview angibt, nicht der einzige Grund. Er dachte vielmehr, dass die Problematik von illiberalen und totalitären Staatsformen auch in Europa immer mehr um sich zu greifen droht und dass, was den beiden Protagonisten in ihrem Land widerfahren ist, auch hier einmal passieren könnte.
So kommen im Film auch ganz unverwechselbare Gebäude aus Berlin und Hamburg ins Bild, wie etwa die berühmte Elbphilharmonie in Hamburg oder die Oberbaumbrücke in Berlin.
Schon zu Beginn des Films wird Aziz von seiner Tochter gefragt, ob er mit seinem Theater die Welt retten möchte. Sie jedenfalls würde daran nicht mehr glauben. Das ist wohl die Botschaft, die wir von diesem Film mitnehmen: kann man mit Kunst die Welt verändern? Eine spannende Frage, sehr spannende Dialoge, gut gespielt.

Gelbe Briefe
REGIE: İlker Çatak
BUCH: İlker Çatak
Kamera: Judith Kaufmann
Darsteller:innen
Özgü Namal, Tansu Biçer,Leyla Cabas, İpek Bilgin,Aydin Işik
Dauer: 127min
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Der Film läuft noch bis einschließlich Donnerstag den 7. Mai 2026 im Leo 2. https://www.leokino.at/film/gelbe-briefe/