Hans Augustin
Der Operettenstaat Österreich
liebt seine Einkaufszentren.
Oder:
Wie man wertvollen Boden unter den Füßen verliert.
Notizen
Der österreichische Schriftsteller Reinhard Kaiser-Mühlecker, der auch Landwirt ist, versteht etwas von Böden, von deren Bewirtschaftung, von Fruchtfolge und allem, was Landwirtschaft braucht und erfordert. Wenn man es zu verstehen gewillt ist.
In gleichem Maße besorgniserregend ist die ökonomische Lesart dieser Materie durch den Direktor der Österreichischen Hagelversicherung, Kurt Weinberger: Grundlage unserer Ernährung ist nicht der Bau weiterer Autobahnen, sondern die Erhaltung fruchtbaren Bodens, Artenvielfalt und sorgsamer Umgang mit der Natur.
Zweifelsohne macht man sich mit Informationen dieser Art keine Freunde.
Eigentlich braucht es nicht viel: etwas Erde, Wasser und Licht und eine Pflanze, die unter diesen Bedingungen wächst. Erfreulich wenn es Salat, Zucchini, Tomaten, Schnittlauch, Petersilie und Kartoffel sind.Ein Fehlen der wesentlichen Teile, insbesondere Wasser, lässt die Pflanzen verdorren.
Um den Lebensmittelbedarf pro Person zu decken, werden ca. 3.100 m2 Boden benötigt. Allerdings sind in Österreich nur 1.635 m2 pro Kopf verfügbar. Der Rest wird importiert.
Das Leiden, von dem seit Jahren geredet wird, ist der Verlust an fruchtbaren Böden. Diagnose: Bodenversiegelung.
Ein Parkplatz beim Supermarkt ist noch keine Malaise. Aber 1000 Parkplätze bei tausend Supermärkten, über deren Sinnhaftigkeit man in Rage geraten darf, zumeist in Gunstlage: flach, mitten im Grünen – machen etwas aus.
Rein rechnerisch sind in 200 Jahren mit dem derzeitigen Verbrauch die landwirtschaftlich existentiellen Flächen aufgebraucht. Aber wer weiß, was in 200 Jahren noch alles passiert ist.
Auf 100.000 Einwohner in Österreich kommen 60 Supermärkte, in Deutschland sind es ca. 40, im EU-Durchschnitt sind es 34. Das Lehàr`sche Land des Lächelns hat eine erstaunliche Affinität zu diesen Einkaufszentren.
Dass in Mittelgebirgsregionen, so ab 1.500 Meter Seehöhe, keine Supermärkte gebaut werden, dürfte klar sein; dort aber wachsen auch keine Kartoffel, Zwiebel oder Salate, auch wenn in dieser Region einmal Palmen wachsen sollten. Dann haben wir allerdings ein Wasserproblem.
Der Supermarkt im Grünen benötigt nicht nur Parkplätze sondern auch Zufahrten. In Österreich ist die Straßenlänge pro Kopf 15 Meter. Ein negativer Spitzenwert in Europa. Macht nichts, der Konsument muss da hin.
Auch wenn er an leerstehenden Gewerbe-, Industrie- und Wohnflächen vorbeifährt. Mittweile sind es 400 Millionen Quadratmeter. Das ist doch was.
Und täglich werden 7,7, Hektar Agrarflächen verbaut. 1 Hektar hat 10.000 m2. Das sind ca. zehn Fußballfelder mit den Tribünen und Nebengebäuden; irgendwo muss man die Trikots und Bälle ja unterbringen.
Und zur Abrundung dieser Analyse: auf der gesamten Erdoberfläche stehen nur 3% als Ackerfläche zur Verfügung.
Inzwischen ist Wasser zum Thema geworden. Wir haben lange genug private Schwimmbecken gefüllt, zwei-, dreimal das Auto gewaschen, stundenlang einen unfruchtbaren Rasen gesprenkelt.
Der Zugriff auf die Beschneiungsbecken in den oberen Regionen der Berge (damit man sie vom Tal aus nicht sieht) ist nur noch eine Frage der Zeit.
Was die Schneeturbinen dann verwenden, wird eine Maturafrage in Umweltschutz.
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