Hans Augustin
Niki Glattauer oder
die seltsame Erregung der Öffentlichkeit
Notizen

Wir kennen nur ein Bild von Suizid: unerwartet (selbst dann, wenn es Anzeichen dafür gab), dann die Ausführung durch eine Pistole, durch Erhängen, einen Sprung vom zehnten Stock eines Hochhauses, durch Strom, eine Überdosis, oder einen Frontalcrash an eine Mauer. 

Aber angekündigt, im Kreis der Familie oder Freunde, das kennen wir nicht. Das, so stellt die Medienethik es dar, sei eine Grenzüberschreitung. Hingegen sind Berichte über Gaza keine Grenzüberschreitung. Es ist weit weg und Berichten darüber kann man nicht trauen. Und es ist ein Kriegsgeschehen. 

Der Schierlingsbecher, den Sokrates getrunken hat, dürfte der erste angekündigte weil befohlene Akt einer Selbsttötung gewesen sein, im Beisein seiner Freunde und Schüler, die ihm dezent nahelegten, sich das noch zu überlegen. Aber Ausnahmen von Gesetzen wollte der Philosoph nicht. Von Grenzüberschreitung  ist in diesem Fall in den Lehrbüchern nicht die Rede. 

Worin besteht der Unterschied der angekündigten Selbsttötung des Niki Glattauer zu einem Soldaten, der in sogenannter Pflichttreue einen Befehl ausführt und dabei – im Wissen um sein Ende – ums Leben kommt? Dass  bei militärischen Aktionen viele zu Tode kommen, die das gar nicht beabsichtigen, ist unvermeidlich. So etwas wie selbstverständlich

In nicht wenigen Ländern wird die Weigerung, einen Befehl der Selbstauslöschung auszuführen, der in der Ausübung mit dem Tod endet, mit dem Tod bestraft. Ähnlich ist die Weigerung bzw. der Widerstand gegen ein politisches System wie in Iran, China, Nordkorea, Rußland: der Betreffende handelt im Wissen, dass die Folgen Folter und Tod sind. Würdevoll ist das nicht. 

Woran reibt sich also die Öffentlichkeit an der Bekanntgabe eines assistierten Suizids? Dass dies ein unerwünscht öffentliches Thema geworden ist? Am Mut, dass einer sich seiner Selbstermächtigung bedient? 

Religiös betrachtet: die Entstehung des Lebens darf man als Geschenk sehen, unter Normalbedingungen als einen Akt der Liebe; aber im Laufe der Zeit merkt man, dass die Entwicklung dieses Geschenks sehr risikoreich ist (Krankheit, Unglück, Enttäuschung, seelische Krisen, Krieg). Im Wissen um die Folgen solcher Ereignisse betrachten viele dieses Geschenk als überfordernd, unerträglich (weil auch nicht bestellt, ohne Rückgaberecht), aussichtslos, sogar sinnlos. Sie tragen sich mit dem Gedanken, es zu beenden. 

Die Frage ist, darf man das? Muss ich erlittene oder prognostizierte Schmerzen erleiden? Besteht eine Aussicht auf Besserung oder Heilung? In den meisten Fällen besteht da keine Hoffnung. Der Leidende entscheidet, ob er so weiterleben möchte. Oder dieses Leiden so lange ertragen, bis Organe versagen und das Bewusstsein in einen komatösen Zustand verfällt. Wie würdevoll das ist, ist in Palliativeinrichtungen oder Hospizen zu erleben. Am Ende ist von einem Kampf bis zuletzt zu lesen. Und von Erlösung vom Leiden. 

Glattauer wird kein Heiliger oder Märtyrer, aber ein Beispiel für Selbstbestimmung und er fordert Medizin, Theologie und Ethik heraus, neu darüber nachzudenken. Ob eine Zeitung mit dem Vorabdruck des Interviews eine Grenze überschritten und damit potentielle Kandidaten für einen Suizid ermutigt hat, bleibt Spekulation. 

Worüber man an dieser Entscheidung nicht rütteln kann, ist, es braucht eine reife Persönlichkeit, die imstande ist, die Schwelle der Angst auch im letzten Moment zu überschreiten. Das hat mit Todessehnsucht nichts zu tun. Für Glattauer galt: Leben nicht um jeden Preis. 

Die Bedenken einer Medienethikerin sind schwer nachzuvollziehen. Denn sie versteht nicht, worum es Niki Glattauer wirklich ging: als Mensch gelebt und behandelt zu werden (man lese seine Erfahrung der Zwei-Klassen-Medizin, ungeachtet seiner Diagnose) und dann die Entscheidung zu treffen, wann es genug ist. Unter dem Aspekt seiner gesundheitlichen Prognosen. 

Irgendwie bedauerlich ist das Wort eines Bischofs an der Seite des Lebens stehen, bis zuletzt. Das bedarf einer Hermeneutik. Man kann Niki Glattauer nicht absprechen, nicht am und im Leben gestanden zu sein; wer aber will ihm den Vorwurf machen, die Leiden seiner Erkrankung nicht als Freude zu empfinden? Von einer OP und Chemo zur nächsten!  

Von Ethikern sollte man erwarten können, daß sie Leiden als das erkennen was es ist: eine fundamentale Erfahrung des Lebens, gleichgültig ob seelisch oder körperlich. Es geht nur darum, wie man damit umgeht. Welche Bedeutung, welchen Wert Leiden für die Betroffenen hat. 

Spirituell gesehen kann es ein Mittel zur seelischen Reife sein (wenn man das will und kann und Seele überhaupt eine Kategorie darstellt). Leiden kann Sühne sein, für sich, für andere, für etwas. Das setzt Glauben voraus, dass dieses Leiden transzendental etwas bewirkt. Der Buddhismus spricht in diesem Sinn von Karma, dass Fehler, Vergehen in irgendeiner Form geläutert werden müssen.

Dies alles sind Kategorien, in denen Niki Glattauer wahrscheinlich nicht gedacht hat. Er präsentierte sich vernunftgeleitet. War seine Entscheidung vernünftig?


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Hans Augustin

Hans Augustin, geb. 1949 in Salzburg/Stadt. Lebt seit 1976 in Tirol. Drucker und Verleger, Programm- und Sendungsgestalter und Kulturjournalist im ORF, Redakteur der Landw. Blätter d. Landwirtschaftskammer Tirol, verantwortlich für die Kulturprojekte der Landwirtschaftskammer Tirol. Zahlreiche literarische Arbeiten und Ausstellungen zum Thema “konkrete poesie“ (typopoetik). Letzte Publikation: „Als ich mit Z zu Abend aß“ – über den Herrn im Kreml, editon laurin, Innsbruck 2024. Auszeichungen: Kulturpreis der Stadt Innsbruck, Großes Literaturstipendium des Landes Tirol (Dramatik, 1991), Arbeitsstipendien des Landes Tirol und des BundesMinisteriums für Kunst.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. c. h. huber

    lieber hans, ich sehe das genau so wie du und wie es niki glattauer gesehen hat. hab mir auch sein interview angesehen – mich aber schon sehr lange mit der thematik beschäftigt, nicht erst jetzt, auch mit angehörigen darüber geredet.

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