Hans Augustin
Ein Buch ist keine Wurstsemmel.
Der verfahrene Karren
“Autor-Verlag-Leser”
Notizen
anlässlich der Leipziger Buchmesse

Dem Motto der Initiative meaoiswiamia irgendwie gerecht zu werden – da die Auswahl der Interview-Partner für die Archive des Schreibens frühzeitig erfolgt ist – sollte doch wenigstens – post Leipzig – auch jener Kollegen und Kolleginnen gedacht werden, die nicht auf den Flaggschiffen – der die Literaturszene beherrschenden Verlage – angeheuert sind. 

Es bedarf eines gewissen Mutes, das Auskleiden dieser Lücken einzumahnen. Aber als Senior mache ich das einfach. Eine korrekte, zutreffende Bezeichnung für die vornehme Zurückhaltung läßt sich schwerlich finden. Aber es ist dennoch erstaunlich die kleinen, viel zu wenig wahrgenommenen und daher wenig bis nicht bekannten, aber für die Text-Landschaft Österreichs unverzichtbaren Literatur-Lieferanten außen vor zu lassen. Für eine Präsentation in Leipzig. Und – als Ergänzung, Bereicherung, Wahrnehmung – auf diesen interessanten Einblick in das Arbeiten im Wortsteinbruch zu verzichten. Dennoch: Sie sind das Unterfutter der sogenannten arrivierten Literatur: Mia-san-mea-ois-wia-mia

Im Moment ist bzw. war Leipzig so eine Art Geheimcode oder Schlüssel für eine Literatur der Zukunft (inkl. der Zukunft des gedruckten Buches). Aber es gibt keine Antwort auf die Frage, was die Literatur der Zukunft sein soll; wie sie aussehen soll, wer das defintiv beurteilt. Denn war nicht jede Form von Literatur – zu ihrer Zeit – eine Literatur der Zukunft, eine Vorwegnahme des Vermuteten, des Angekündigten, des sich Anbahnenden (mit dem Risiko des Irrtums)? 

Plötzlich tauchen Amazonen aus der Verlagsbranche auf, die (Zitat Börsenblatt des Deutschen Buchhandels) Bücher unserer Zukunft als Erfolgsgeschichten machen wollen und innovative Ideen und Strategien vorstellen, die Ansprüche und Interessen der Leser der Zukunft in den Blick nehmen und Fragestellungen wie die Talentsuche für die Buchbranche von morgen, gesetzliche Rahmungen, technische Voraussetzungen und Finanzierungsmöglichkeiten thematisieren. 

Die Begriffe Erfolgsgeschichte, Ideen und Strategien, Ansprüche und Interessen der Leser der Zukunft, Talentsuche, Finanzierung – abgesehen von Kulturbudgets, die sich aus Steuergeldern speisen – sind mehr als abgegriffen, mehr oder weniger erfolglos, eine Phantasmagorie. 

Tatsache ist, die Anzahl der Titel steigt wie die Anzahl der Leser abnimmt. Deren Ansprüche und Interessen sind nicht eruierbar, trotz aller Apotheosen von Namen oder Titeln, Auftritten und Skandalen nicht faßbar. Und wenn ein Raoul Schrott den hundertsten Odysseus übersetzt, die Verkaufszahlen sind auch auf Ithaka nicht der Rede wert. Weil man im Grunde erst erklären muss, wer oder was Odysseus ist. Vielleicht ein After shave? 

Die Zukunft der Buchbranche wurde schon so oft gestaltet, dass man sie nicht mehr erkennt; ein Buch ist keine Wurstsemmel. Die ist an ihrem Inhalt erkennbar, bei manchen Büchern ist man über den Inhalt verwirrt und wundert sich, dass man dazu Buch sagt und dass die Menschen damit nichts zu tun haben wollen. 

Heute wird uns eine Rechnung dafür präsentiert, daß wir – vor allem die PR-Leute der Verlage, die fachzuständigen Institute der Universitäten, die Schulen, die Medien, mit wenigen Ausnahmen – nicht in der Lage waren, das zu wecken, was das Salz der Literatur (und damit der Verkaufsstrategien) ist: die Neugierde der Menschen auf Geschichten. Die Spezies Krimi beweist es. 

Die meisten Frauen der Verlagsbranche – ob Programmchefinnen, Lektorinnen, sind ja nett anzusehen, wenn sie aus den div. Magazinen, Newslettern herausschauen; (manche feiern sich gerne selbst als Autorinnen, was okay ist); sie lächeln gerne, herausfordernd, zukunftsneugierig, als hätten sie das absolute Programm im Kopf, wie man dieses Fuhrwerk Autor-Verlag-Leser wieder aus der Garage oder aus dem Graben bringt. 

Aber so einfach ist das wohl nicht. Denn Leser sind unbelehrbar: lieber Erich Kästner als Stuckrad-Barre. Und es hat nicht jeder Landstrich einen Stuckrad-Barre im Ärmel, der das regionale Ensemble im regionalen Schauspielhaus aus der Reserve holt, mit viel Rauch und Gehopse. In weißer Jean und Ringelshirt. 

Und die Frage ist, ob man einen Stuckrad-Barre braucht, der sich seine (privaten) Kapriolen zum Inhalt macht. Und offenbar für einen Abend die Besucher vom Hocker reißt. Jedenfalls ist das Theater einmal ausverkauft. Nur: die Heiligsprechung der Paradiesvögel ist noch nicht Literatur. Aber inzwischen werden Stuckrad-Barre und die deutschsprachige Verlagsszene schon Wach sein.

Die Geheimhaltungsklausel, ab wann das Buch in den Auslagen liegen darf, nährt nur die vermeintliche Fähigkeit für Visionen der kaufmännischen Abteilung des Verlags, aber nicht das Verlangen nach einem breiten Bedarf an Lesestoff, der den Kalkulanten als Argument diente, eine fünfstellige Auflagenhöhe anzusteuern. Lesestoff bieten die Boulevard-Magazine beim Friseur auch. Und über den wird geredet.

Der Zustand macht auf lange Sicht zornig. Auch Leipzig wird das Problem nicht lösen, dass das Interesse an Literatur und ihrer Peripherie schwindet. So viele TV-Berichte kann es gar nicht geben, denn in Konkurrenz zu einem Fußballspiel, zum Zeitpunkt der Lesung der Berühmtheiten, ist die Literatur, die Kunst, Verlierer. Zehn zu Null. 

Die Situation steht im Gegensatz zu den Träumen der Amazonen, die Bücher der Zukunft machen wollen. Die Lethargie (um nicht zu sagen Inkompetenz, Verweigerung bei no-names, Agenturabhängigkeiten) der Lektorate hat Ähnlichkeit mit der Versteppung von Weidegründen. 

Literatur ist vergleichbar mit der Landwirtschaft: es braucht die Bodenpflege, Düngung, Nutzpflanzen für die Stickstoffanreicherung, und auch die artgerechte Ernte und Verarbeitung. Es gäbe Titel und Inhalte, die längst in den Katalogen angekündigt sein sollten; sind sie aber nicht. Denn auch Entscheidungen eines/r Lektors/in sind subjektiv. Auch wenn diese Subjektivität – von selbsternannten Literatur-Guides – dann als neue literar. Strömung oder Entwicklung bezeichnet wird, ist sie spätestens zur nächsten BücherMesse vergessen. 

Damit aber sind zum Teil wichtige Romane, Gedichte am Markt nicht mehr verfügbar. Daher wählen offenbar zunehmend Autoren den Umweg über BoD. Nur: BoD (Book on Demand: die Möglichkeit, Bücher abseits von professionellen Verlagen in beliebiger Auflage kostengünstig herstellen zu lassen) ist dann bei Ansuchen oder Bewerbungen als Publikation nicht gültig. Eine Art Fettfleck auf dem Hemd. Aber: der Leser und damit der Käufer ist das Ziel, weil er an den Geschichten, die erzählt werden, interessiert ist und dann erst sind die Erwartungen der Literaturpäpste von Bedeutung. 

Dafür denken die innovativen Verlagsfrauen über das Buch der Zukunft nach (während sich andere Koryphäen den Kopf zerbrechen, ob das gedruckte Buch überhaupt noch Zukunft hat). Die Erfolgsgeschichte ereignet sich dann, wenn Inhalte, die das Leben eines Klempners Oskar betreffen, Menschen veranlassen, vor den Buchhandlungen Schlange zu stehen. Und dabei ist die Ästhetik eines Buches noch gar nicht erwähnt

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Hans Augustin

Hans Augustin, geb. 1949 in Salzburg/Stadt. Lebt seit 1976 in Tirol. Drucker und Verleger, Programm- und Sendungsgestalter und Kulturjournalist im ORF, Redakteur der Landw. Blätter d. Landwirtschaftskammer Tirol, verantwortlich für die Kulturprojekte der Landwirtschaftskammer Tirol. Zahlreiche literarische Arbeiten und Ausstellungen zum Thema “konkrete poesie“ (typopoetik). Letzte Publikation: „Als ich mit Z zu Abend aß“ – über den Herrn im Kreml, editon laurin, Innsbruck 2024. Auszeichungen: Kulturpreis der Stadt Innsbruck, Großes Literaturstipendium des Landes Tirol (Dramatik, 1991), Arbeitsstipendien des Landes Tirol und des BundesMinisteriums für Kunst.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. c. h. huber

    lieber hans, grundsätzlich gebe ich dir recht, wundere mich aber, dass du vor allem weibliche lektorinnen oder im literaturbetrieb tätige an den pranger stellst. gibt bestimmt ebenso viele männliche täter oder eben nicht-täter. ja, das lesen hat sich sehr verändert, was aber sicherlich mit den neuen medien zu tun hat, denke ich, es wird einfach anderes und anders gelesen, leichter konsumierbares im allgemeinen. doch tot wird die literatur nie sein, denke ich und lese fleißig weiter, auch nicht immer nur „hohe“ literatur.

Schreibe einen Kommentar