Hans Augustin
Das Bargeld muss bleiben!
Notizen
Es gibt Situationen, wo man echt ins Grübeln kommt: Meine Großmutter sagte sehr oft, dass der Mensch einen Kreuzer braucht, um ein Stück Brot zu kaufen. Kreuzer haben wir nicht mehr, jedoch vielfach ein Kreuz, d.h. Sorgen, Bedenken. Sie hatte noch vier Währungen sowie Entwertungen erlebt: von der Krone zum Schilling, vom Schilling in die Reichsmark, von der Reichsmark in den neuen Schilling, vom Schilling zum Euro.
Abgesehen von den Erfahrungen der Geldentwertung, einer galoppierenden Inflation, den Restriktionen (Tausend-Mark-Sperre) war vor und nach den Ereignissen der Kriege Bargeld überlebenswichtig. Aber mit diesen Ereignissen der Vergangenheit beschäftigen sich die Budget- und Währungspolitiker nicht. Sollten sie aber.
Bargeld hat etwas mit Identität zu tun, mit der tatsächlichen Möglichkeit, etwas zu kaufen, mit Macht, mit Mobilität, mit unmittelbarer Lösung eines oft existentiellen Problems (Bezahlung eines Fahrscheines in letzter Minute, Bestechung, Lösegeld).
Bargeld ist zu einem politischen Thema geworden. Und die Geschichte beweist, dass Bargeld unverzichtbar ist. Man fragt sich, wer auf solche Ideen kommt. Die einen wollen es, die anderen nicht mehr; in nicht wenigen Bereichen des Lebens ist Verschwiegenheit, Handgeld immer noch gefragt und vielfach überlebensnotwendig.
Ein Schreiner repariert mir für 50 Euro in bar das Sofa. Am Ende sind wir beide zufrieden: er hat etwas Bar-geld, ich habe mein Erbstück wieder in Funktion.
Heute sind wir bei der Gewährleistung von Bargeld in der Verfassung angekommen. Bei der Einführung des EURO dachte niemand, dass das einmal notwendig sein könnte. Wie es scheint ist es das.
Man sollte gewisse Vorteile des digitalen Zahlens nicht unerwähnt lassen: es ist bequem, es ist quasi unbegrenzt verfügbar (falls der Rahmen gedeckt ist).
Worüber nicht geredet wird: dass das alles funktioniert, dafür ist elektrischer Strom die Grundvoraussetzung.
Im Jahr 2025 schrammte Deutschland mindestens einmal an einem Blackout vorbei. Das können sich die meisten gar nicht vorstellen: elektrische Türen lassen sich nicht öffnen, man kann nicht einkaufen, Bargeldautomaten reagieren nicht, schlimmstenfalls bleiben Karte und Geld im Automaten, in Autoparkplätzen unter Tag finden Sie Ihr Auto nicht, abgesehen davon können Sie nicht bezahlen und die Schranken bleiben geschlossen, selbst die Notstromversorgung in Krankenhäusern ist nur gewährleistet, wenn die Tanks für die Stromaggregate gefüllt sind.
An Abstürzen von Rechnern in Redaktionen, Archiven, Labors, in Gerichten, U-Bahnen, Forschungseinrichtungen, Banken und anderen Geldinstituten, will ich gar nicht denken.
Abgesehen davon sind die Möglichkeiten, jemanden durch eine Kartensperre aus dem allgemeinen Geschäftsleben auszuschließen, nicht von der Hand zu weisen; Gründe dafür finden sich immer. Jede Bewegung auf Konten kann überwacht, kontrolliert und eingeschränkt werden.
Jede Zahlung kann mit Gebühren belegt werden. Gehört mein Geld wirklich noch mir, wenn es in der digitalen Welt eingesperrt ist?
Derzeit läuft eine Petition an das EU-Parlament und die Regierungen der EU-Länder. Damit Bargeld als Zahlungsmittel den gleichen Schutz wie der digitale Euro erhält.
Die von der EU-Kommission vorgeschlagene Bargeld-Verordnung (COM/2023/364) muss verbessert werden.
1. Sorgen Sie dafür, dass an allen physischen Verkaufs- und Bezahlorten und auch bei staatlichen Stellen mit Bargeld bezahlt werden kann. Wer bar bezahlt, darf nicht von Preisnachlässen und anderen Vorteilsaktionen ausgeschlossen sein.
2. Der öffentliche Nah- und Fernverkehr (Bus, Bahn) muss problemfrei mit Bargeld genutzt werden können.
3. Bargeld abheben darf kein Hindernis sein. In jeder Gemeinde ab 1000 Einwohnern muss eine Möglichkeit bestehen, an Banknoten zu kommen. 90 % der Bevölkerung sollten innerhalb von zwei Kilometern eine Bargeldquelle erreichen, in Städten innerhalb von einem Kilometer.
4. Einzelhändler brauchen Orte in ihrer Nähe, Wechselgeld zu beziehen und Einnahmen auf das Firmenkonto einzuzahlen.
Am 23. Juni stimmte der EU-Ausschuss für Wirtschaft und Währung (ECON) über die Bargeldverordnung ab. Er verfügt über keine Mehrheit für einen konsequenten Schutz des Bargelds. Es handelt sich um eine richtungsweisende Entscheidung. Verbesserungen sind danach nur noch schwer zu erreichen, im Anschluß gibt es die sog. Trilog-Gespräche. D.h. die Europäische Kommission, der Ministerrat sowie Vertreter des EU-Parlaments werden hinter verschlossenen Türen die Endfassung der Bargeldverordnung aushandeln. Im Oktober 2026 voraussichtlich wird sie dann endgültig beschlossen.
Nach dem jetzigen Verhandlungsstand wäre eine Ablehnung von Bargeld leicht möglich. Es wäre ab diesem Moment zulässig, dass Parkgebühren nur noch digital möglich sind, dass im Öffentlichen Verkehr nur die Karte zulässig ist, dass Behinderte, ältere Personen auf Hilfe angewiesen sind; dass Ämter Barzahler abweisen und sie zu einer unzumutbar entfernten Stadtkasse schicken, um eine Rechnung zu bezahlen (falls sie Bargeld akzeptiert).
Die Folge davon wäre wiederum, dass der Bargeldkreislauf schwerwiegend beeinträchtigt würde. Die Konsequenzen einer Welt ohne Bargeld sind sehr weitreichend und tangieren jeden unserer Lebensbereiche.
Daher hat zu gelten: Eine freie Gesellschaft braucht ein freies Zahlungsmittel, das nicht überwacht und gesteuert werden kann.
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