Hannes Parth
Seilbahnen und ihr Beitrag zur Infrastruktur
und zum Sozialwesen
Analysezum

Immer wieder kommen Forderungen der Politik, von NGO’s und Interessenvertretungen nach einer verstärkten Beteiligung des Tourismus an öffentlicher Infrastruktur, verbunden mit diversen Maßnahmen wie einem Betten- und Liftausbaustopp oder Lösung der Verkehrsproblematik, die in manchen Tälern zweifellos ein eminentes Problem darstellt.

Die Zillertaler Tourismusbetriebe aller Art haben eine ‚Bringschuld‘ gegenüber allen stark verkehrsbelasteten Gemeinden, wenn sie nicht wollen, dass es zu einer immer stärkeren Ablehnung des Tourismus kommt, mahnt etwa Fritz Gurgiser, der Obmann des Transitforums Austria-Tirol.

Dass der Verkehr zu einem Gutteil hausgemacht ist, wird gerne ausgeblendet und den bösen Touristen zugeschoben. So verlagert man ein Problem, das seit Jahrzehnten evident ist und einer Lösung bedarf, geschickt von der öffentlichen Hand auf eine private Ebene, um nicht eingestehen zu müssen, dass bezüglich öffentlicher Verkehrslösungen, speziell zur Gästeanreise, in der Vergangenheit viel verabsäumt wurde.

Wenn ich mich daran erinnere, dass in den 1990-er Jahren, um uns ein bisschen zu ärgern und um keine Entscheidung treffen zu müssen, im Zuge eines von der Silvrettaseilbahn AG eingereichten Seilbahnprojektes gefordert wurde, dass wir ein überregionales Verkehrskonzept erstellen sollten, das insbesondere die Lösung der Verkehrsproblematik am Fernpass enthält, – einem Problem, an dem sich die Politik mit einem neuen Vorschlag gerade wieder einmal die Zähne auszubeißen droht, erscheinen die heutigen Forderungen an die Tourismusunternehmen noch recht moderat.

Erst kürzlich hat die Arbeiterkammer Tirol mit der Forderung nach einer Nächtigungsabgabe von 2 Euro auf sich aufmerksam gemacht, damit alle Tiroler und Gäste kostenlos mit Bus und Bahn fahren können, um damit soziale Entlastung, weniger Autoverkehr, mehr Klimaschutz und einfachere Verwaltung zu erreichen und um die Tourismusbranche in Richtung mehr Nachhaltigkeit zu lenken. Als ob diese Branche nicht ohnehin unter stark gestiegenen Kosten, Ausbeutung durch Buchungsplattformen, überbordender Bürokratie und hoher Steuerbelastung zu leiden hätte.

Die Tourismusbranche hätte also allen Grund, ihre Leistungen, die sie für die lokale Bevölkerung erbringt, stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, um gegen solche Angriffe besser gerüstet zu sein. Dieses Thema scheint mir von unseren Interessenvertretungen vernachlässigt zu werden und ist dadurch bei einem Großteil der Bevölkerung, insbesondere in den Städten, nicht angekommen.



So sind es gerade die Seilbahnunternehmen, die in den abgelegenen Seitentälern Tirols eine hohe Verantwortung für ein funktionierendes Gemeinwesen und damit zur Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung beitragen. Diese konnte viele Jahrzehnte nicht nur die Seilbahn- und Liftanlagen zu einem Sonderpreis genießen (wofür die Politik hoffentlich bald wieder die nötigen Voraussetzungen schafft), sondern profitiert von einem gut ausgebauten Verkehrsnetz, zu dem manche Seilbahnen mehr als die Hälfte der Kosten beisteuern. 



Darüber hinaus bieten sie lokale Arbeitsplätze auch für die Nebenerwerbslandwirte, zahlen Entschädigungen für Grundinanspruchnahmen und leisten damit einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung unserer Kulturlandschaft durch die örtlichen Bauern. 



Ohne Tourismus würde es etwa in Ischgl anstatt über 60 aktiver Bauern wohl noch maximal eine Handvoll geben. Und wenn ein Verein ein Fest organisiert, jemand in Not gerät oder eine Unterstützung benötigt, sind die Seilbahnunternehmen gerne die erste Anlaufstelle. 

Als im Zuge der Genehmigung der Piz- Val-Gronda Bahn der Club Arc Alpin ein Verfahren gegen die Tiroler Landesregierung wegen Verstoßes gegen Artikel 6 (3) des Protokolls Tourismus der Alpenkonvention einleitete, konnten wir die Kommission der EU mit unseren Argumenten, dass es sich beim Seilbahnunternehmen nicht um eine geldgierige, naturzerstörerische Organisation, sondern um eine mit hoher sozialer Kompetenz und Verantwortung für die Region handelt, überzeugen.



Wenn insbesondere der Sommer am Berg als zweites Standbein der Seilbahnwirtschaft bezeichnet wirtd, dann ist das Anlass, dieses Thema auch aus der Sicht der einheimischen Bevölkerung zu betrachten. Die Seilbahnunternehmen haben die letzten Jahre viel Geld für die Attraktivierung des Sommers in die Hand genommen. Geld, das in den allermeisten Fällen im Winter verdient wurde, da der Sommertourismus in Punkto Wertschöpfung dem Winter weit hinterherhinkt. 

Diese Querfinanzierung erfolgt in weiterer Folge zudem für die laufenden Betriebskosten. Und immer fällt dabei auf, wie viele einheimische Familien sich in ihrer Freizeit da aufhalten. Ganz zu schweigen vom vielfältigen Bikeangebot auf unseren Bergen, für deren Finanzierung vielfach die Bergbahnen und die Tourismusverbände gesorgt haben.

Fotorechte: Kürzi / Silvretta Seilbahnen AG

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Hannes Parth

Hannes Parth, geb. 1956, war 36 Jahre lang für die Silvrettaseilbahn AG in Ischgl tätig, bereits im Jahr 1987 wurde er zum Vorstand gewählt. In der Ära Parth wurden über 40 Bahnen mit einem Investitionsvolumen von 707 Mio. € errichtet. Im Ranking der weltbesten Seilbahnunternehmen mischt das Unternehmen heute an vorderster Stelle mit.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Reinhard Kocznar

    Verkehr zu einem Gutteil hausgemacht…
    Das kann man nur als Frotzelei betrachten. Seit ich aufs Land gezogen bin, komme ich nur mehr zu wenigen, konkreten Anlässen in die Stadt, etwa Arzt oder Behörde. Wenn ich am anderen Ende zu tun habe, passier(t)e ich die Stadt von West nach Ost über die Autobahn, was ca. 5 min erfordert. Das ist vorbei.
    Vom Brenner herab stauen die LKWs und oft auch der PKW-Verkehr ab Montag bereits an der Brennerautobahn, also wieder durch die Stadt – entbehrlicherweise.
    Eine Veranstaltung in Vorarlberg musste ich vor Kurzem beim letzten großen Touristeneinfall streichen, ich wäre am Heimweg von Mötz bis zur Ausfahrt Zirl bestenfalls im Schrittempo gefahren.
    Alles hausgemacht?

Schreibe einen Kommentar