Hannes Hofinger
Vor der OP
Was mir so durch den Kopf geht.
Notizen
Vieles. Fräsen. Sie wollen an der Wirbelsäule einen Kanal, durch den die Nerven zu den Beinen gehen, auffräsen, weil er durch Verkalkung die Nerven schon ziemlich einzwickt. Deshalb heikel, weil bei Beschädigung Lähmung droht.
Aber die werden da schon aufpassen, schließlich steht auf jedem Zettel von der Klinik neben meinem Namen Hochrisikopatient. Die machen das ja nicht das erste Mal (hoffe ich).
Und wenn es schiefgeht? Rollstuhl? Nein, dann lieber gleich weg. Was versäume ich denn noch? Nicht mehr viel. Außer: Ich bringe doch noch einen großen Roman heraus. Sonst? Naja, die Familie. Die tut mir schon leid. Also doch lieber Rollstuhl als Exitus? Nein.
Angst? Nein, Angst habe ich nicht. Ich bin überzeugt, dass es dann einfach aus und vorbei ist, dann ist eben nichts mehr, das kann ja nicht wehtun. Und die Dauerschmerzen in den Beinen und am Rücken bin ich endgültig los. Und der Tinnitus ist endlich still und pfeift mir nicht andauernd zwischen meine Gedanken.
Andererseits habe ich ja schon ungefähr 10 oder 15 OPs mit Vollnarkose überlebt. Ja, bei der ersten OP wollte ich nicht gleich aufwachen. Ließ mir einige Tage Zeit. Mein Bruder, der Diakon, hat mir während meiner Abwesenheit die letzte Ölung auf den Körper gesalbt. Jetzt glaubt er vermutlich, dass es geholfen hat, mich aufzuwecken. Soll er.
Aber die folgenden OPs sind alle klargegangen. Keine Ahnung, wie viele Stents und Bypässe man mir schon eingebaut hat.
Es geht mir gut.
Nein, ich möchte nicht jammern. Durch die Gegend rennen geht halt nicht mehr, aber wer will das schon? Ich soll die Opioide nehmen, sagt der Arzt. Will ich aber nicht. Ich halte das schon aus. Man hat ja keine Ahnung, was man alles aushält und woran man sich mit der Zeit gewöhnt.
Warum also dennoch die OP? Weil ich die Hoffnung habe, dann wieder schmerzfrei mit Frau, Kind und Hund die Ache entlang spazieren zu gehen. Sitzen geht am besten. Liegen ist auch scheiße.
Ich glaube nicht, dass ich im Falle des Falles dort drüben Verwandte und Freunde und verstorbene Haustiere treffen werde. Meine Cindy ist ja auch nicht im Hundehimmel gelandet. Sie ist einfach nicht mehr. Und aus. Bei mir wird es nicht anders sein.
Der Bürgermeister? Nein, der kommt sicher nicht zum Begräbnis. Der mag mich nicht. Aber einen Vizebürgermeister werden sie wohl abkommandieren müssen. Das ist Routine bei ehemaligen Gemeinderäten. Auch wenn sie von der gegnerischen Partei sind.
Jetzt hätte ich beinahe geschrieben meine Lieben und meine Freunde werde ich schon sehr vermissen. So ein Nonsens. Wenn ich nicht mehr bin, kann ich auch nichts vermissen. Es ist gar nicht so einfach, sich vorzustellen, wie das ist, wenn nichts mehr ist und man nicht mehr ist.
Und sonst? Was mir sonst so durch den Kopf geht?
Koma. Das verdränge ich aus dem Bewusstsein. Aber wenn das Koma mein Bewusstsein verdrängt? Daran mag ich nicht denken. Ich hätte eine Patientenverfügung unterschreiben sollen, ist aber zu aufwändig. Da vertraue ich auf meine Lieben und meine Freunde, die mich kennen. Keine Verlängerung bitte!
Ein Verwandter aus der strengkatholischen Linie der Familie, nennen wir ihn C. versucht mich zu beruhigen.
C: Wird schon gutgehen, ich bete für dich.
Ich: Willst Du mich loswerden?
C schaut verdutzt.
Ich: Kennst Du nicht die Studie von Benson? Dr. Herbert Benson war ein amerikanischer Herzspezialist, der die sogenannte STEP Studie (Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer) leitete. Das Ergebnis zeigte: Es gab keine positive Wirkung von Fürbitten bei Patienten nach Herz-Bypass-Operationen. In der Gruppe, die wusste, dass für sie gebetet wurde, traten sogar mehr Komplikationen auf. Beten hilft nicht. Übrigens: Daumendrücken auch nicht.
C: Ich bete trotzdem für Dich, auch wenn Du nicht daran glaubst. Beten hat noch immer geholfen. Nur das Gebet hat unsere Familie heil durch die Jahrhunderte manövriert.
Ach, der C. Ihm hilft´s, also soll er weiterhin beten und Heilige Messen besuchen. Ihm hilft es und hat ihm nach dem Tod seiner Frau unheimlich geholfen. Das Leben ist schon einfacher mit Religion im Kopf. Aber einfach ist nicht gleich richtig.
Ich habe mich mit allen Religionen beschäftigt – Buchtipp: Die Ordnung des Himmels – und glaube, dass die Religionen im Laufe der Jahrhunderte nicht intelligenter, aber immer raffinierter geworden sind. Angepasst an die Entwicklung der Naturwissenschaften. Von saudumm zu einfältig und arm im Geiste.
Noch 4 Tage bis zur OP:
Bin überraschenderweise keineswegs nervös. Das wird schon klappen und dann hab ich noch einige Jahre ohne Schmerzen und vielleicht ist sogar nächstes Jahr noch ein kurzer Urlaub drin. Und ich schreib meinen irren Thriller fertig.
Noch 3 Tage:
Je näher der Termin kommt, desto entspannter bin ich.
Übermorgen muss ich einrücken.
Was mir durch den Kopf geht?
Erleichterung, dass es jetzt endlich so weit ist. Nein, ich bin nicht nervös, zumindest nicht übermäßig. Ich hoffe, dass es nach der OP nicht zu lange dauert, bis ich wieder auf den Beinen bin. Reha gehe ich nicht. War ich schon fünfmal. Das ist genug.
PS.:
Wenn das alles vorbei ist, dann gehe ich … nein, nicht wallfahrten, sondern auf den Huberturm in St. Johann und genieße das beste Zwicklbier wo gibbd.
Warum nicht wallfahrten?
Dazu gibt es seriöse Studien, welche beweisen, dass man eher gesund wird, wenn man z.B. Lourdes meidet. Dort ist nämlich die Anzahl der Spontanheilungen wesentlich geringer als in jedem x-beliebigen Krankenhaus. Außerdem brauche ich ja keine Spontanheilung. Und keine Beschwörungsrituale. Ich bin wiederhergestellt. Dank unserer Medizin. Aber eine Wallfahrt von zu Hause auf den Knien bis zur Klinik? Wäre sicher sinnvoller.
Bevor ich jetzt in Spinnereien abdrifte: Wir sehen/lesen uns in ein paar Tagen.
Hannes
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sehr ehrlich. sehr berührend. danke. und? die OP hoffentlich erfolgreich? LG