Hannes Hofinger
Das Pfeil- und Bogenfleisch
Nach indianischer Tradition erlegt
Das neueste Angebot der Tiroler Fleischindustrie

Das Wild wird nach Abänderung des Tiroler Jagdgesetzes §40 Abs. 1 lit. c durch den Tiroler Landtag aus der Nähe mit Pfeil und Bogen erlegt, anschließend tanzt der Jäger darum herum, raucht die Pfeife und entschuldigt sich für das Ungemach. Ein Tannenzweig (ein Zugeständnis an die heimischen Jagdbräuche) wird ihm ins tote Maul gestopft und dann ab zur Verwurstung ins Schlachthaus.

Diese humane und tierfreundliche Qualität kam bei den Kunden irre gut an. Das Pfeil- und Bogenfleisch übertraf alle Erwartungen, die Wartezeiten und damit die Preise stiegen in gigantische Höhen. Was tun?

Die Firma Tierfreundeschlachthof, eine Tochter der landwirtschaftlichen Vereinigung Bei meiner Ehr dachte nach und steckte fünf Millionen Euro in ein Prestigeprojekt, wie es das bisher nicht gab. Zur Planung und Ideenfindung wurden drei weltberühmte Experten herangezogen: André Heller war für die äußere Gestaltung des neuen, riesigen Gebäudekomplexes zuständig. Er malte gewaltige Bilder im Stile Banksys an die Fassaden. Bilder vom Paradies mit Tieren, welche in Frieden miteinander leben. Bilder, wie wir sie vom Wachtturm her kennen.

Reinhold Messner plante die Innenausstattung und sorgte dafür, dass die Betonstufen nicht zu hoch wurden, 18 cm hielt er für zulässig, damit sich niemand derstesst, wie er sich ausdrückte. Als Experte für die tiergerechte Tötung des Wildes wurde Jagaschorsch engagiert. Dieser wiederum engagierte seinen Freund René als Gehilfen. Als früherer Vertreter eines angeblich sozialen Vereins konnte er nicht zuschauen, wie ein armer, gescheiterter Milliardär völlig mittellos vor sich hinvegetierte, immer die Angst, unter der Brücke schlafen zu müssen, vor den verweinten Augen.

Nach zwei Jahren war der Betrieb so weit gediehen, dass man einen Probelauf starten konnte. Mit einem Landesüblichen Empfang wurde die Eröffnung gefeiert. Tirols Landeselektriker persönlich schritt in Begleitung des Vertreters der Vereinigung der Energetiker und Granderwassergeheilten nach der Musikkappelle in den Festbezirk ein und nahm auf der extra errichteten Tribüne Platz. Neben ihnen hatten schon die Trachtler und Schuhplattler ihre Plätze gefunden. Dann kam es zur Vorführung des Betriebes.

Unter stampfender Marschmusik wurden Hirsche, Rehe, Wildschweine und anderes Rot- und Schalenwild in einen engen Gang zwischen Baugittern zum Eingang getrieben. Dort kamen sie zuerst an eine Stelle, wo es arg zu rauchen begann. Weißer Salbei wurde verbrannt und den Tieren ins Gesicht geblasen. Wer sich nicht so gut auskennt wie ich, dem sei erklärt, dass weißer Salbei den Weg ins Jenseits reinigt und ebnet. Im Unterschied zu Weihrauch, der das Tor zum Himmel öffnet. Alles klar?

Unter Husten und Schnauben kam der Zug zur nächsten Station. Dort wurden die Tiere von einer raffinierten automatischen Schussanlage mit Pfeilen beschossen und getötet. Ein Förderband zog sie zur nächsten Station, wo ihnen von einem Roboter ein Tannenzweig (natürlich aus Plastik der Hygiene wegen) ins Maul gestopft wurde.

In der nächsten Station wurde das Förderband jeweils für Sekunden angehalten, damit die toten Augen einen Blick auf einen riesigen Monitor richten konnten (falls der Pfeil nicht genau getroffen hatte), auf welchem echte Indianer mit Migrationshintergrund herumhüpften und mit umtata, umtata, umtata den Weg zu Manitou wiesen. Sodann fiel nach jedem Tier der Plastikvorhang, um die Zuschauer vor dem Anblick der Häutung, Zerlegung, Vakuumierung und Preisbezettelung zu schützen.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Halle kam nun eine Horde von Jungbäuerinnen mit Körben voller Spezialitäten Nach indianischer Tradition erlegt und boten sie zum Verkauf an. Die Ehren- und sonstigen Gäste waren völlig aus dem Häuschen, stürmten von der Tribüne herunter und rissen den Jungbäuerinnen das vakuumierte Wildfleisch aus den Körben.

Tags darauf: Die Tribüne ist abgebaut, der einst rote Teppich eingerollt und die Reste des Festes am Recyclinghof fachgerecht entsorgt. Die Nachfrage nach Fleisch mit dem Etikett Nach indianischer Tradition erlegt übertraf in Folge alles, was die Tiroler Fleischindustrie je als erfolgreiche Aktion vermarktet hatte. Die Tiere wurden von nun an ohne läppische Tötungsszenerie per Gigaliner angeliefert, aufgezogen in Gehegen in Rumänien und Alaska.

Der Jagaschorsch wurde übrigens zum Aufsichtsratsvorsitzenden ernannt und war zufrieden mit seinem Leben. Nun konnte er mit Freund René durch die steirischen Wälder streifen, alles abknallen, was zu erspähen war, und es kümmerte niemanden, ob sein Porsche abgesperrt war oder nicht. 

Denn jedermann wusste: Wenn ein geladenes Gewehr am Rücksitz liegt, dann misch dich nicht ein. Du bekommst nur Ärger.

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Hannes Hofinger

Hannes Hofinger (* 21. Dezember 1947 in St. Johann in Tirol) ist ein österreichischer Schriftsteller, Bibliothekar und Verleger. Hannes Hofinger ist Chronist und Heimatforscher und verlegt vor allem Kleinodien aus der Umgebung von St. Johann in Tirol.

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