Hannes Hofinger
Der Tod eines Kultinstruments
Oder:
Ein älterer Herr versucht sich
am Keyboard.
Notizen

Mein 70. Geburtstag war der Anlass. Was ich mir wünsche? Hast ja eh alles. Ich hatte eine Idee: Ich möchte Klavierspielen lernen und mich in der Musikschule einschreiben und dazu wünsche ich mir das Schulgeld für das erste Semester.

Nach 4 Jahren musste ich laut Statuten ein Semester Praxisunterricht zusätzlich zu den wöchentlichen Klavierstunden absolvieren und setzte mich – schrecklich peinlich – in eine Klasse mit Kindern, durchschnittlich geschätzte 8 Jahre alt. Ich, als Senior zwischen ihnen.

Dennoch: Ich bestand die gleichfalls vorgeschriebene Übertrittsprüfung mit Sehr gutem Erfolg. Folglich durfte ich weitere 4 Jahre die Musikschule besuchen.

Acht Jahre später. Nun hatte ich also erfolgreich und mit großem Vergnügen (dank der hervorragenden Klavierlehrerin Mag. Brigitte Zimmermann) acht Jahre Musikschule hinter mir. Um weiterhin Klavier lernen zu dürfen, müsste ich wieder eine Theorieklasse besuchen. Ich verstehe natürlich, dass theoretisches Wissen wichtig ist und mir ist auch klar, dass die Musikschulen für Kinder und Jugendliche gedacht sind. Leider war nun für mich Schluss. Ich wollte mich nicht nochmal in Kindersitze zwängen.

Was nun?
Privater Unterricht wäre eine Option, aber zu teuer. Ich suchte online Klavierkurse, fand aber nur halbseriöse Angebote. Da stieß ich auf eine Onlinemusikschule für Keyboard und E-Orgel. Warum nicht? Erinnerungen an vergangene Zeiten mit vibrierenden Hammondklängen und wimmernden Sentimental Journeys drehten im Kopf die Runde und ich meldete mich an. Ein Keyboard wurde angeschafft, aber sicherheitshalber blieb auch das E-Piano an seinem Platz.

Das ist nun bald ein Jahr her. Und ich übe jede wöchentlich neu übermittelte Lektion laut Anleitung des Lehrers.
Aber ich werde dabei nicht glücklich. Vor allem die abschätzigen Bemerkungen über das Klavierspiel durch den selbsternannten Meister – die spielen nur nach Noten, wir spielen Orchester – ist ärgerlich. Aber das ist nicht das Wesentliche.

Nach 35 von 50 Lektionen kann ich nun also jede Menge Songs in C-Dur mit Begleitung spielen. Über 400 (!) Schlager in C-Dur. Und dazu ein paar Knöpfe drücken, damit auch das Orchester mitspielt mit allen nur denkbaren Instrumenten, vermutlich an die Tausend.

Warum ich das C-Dur so betone? Ich habe einige Monate gebraucht, bis ich es kapiert hatte. Keyboardspieler spielen – zumindest nach dieser Onlineschule – alles in C-Dur, und wenn ein Song beispielsweise in G-Dur geschrieben ist, dann wird einfach das Keyboard um 5 Stufen nach unten transponiert und die Sache hat sich.

Wenn ich mich lange genug mit einem Stück beschäftige, wenn ich die Reihenfolge, in welcher ich die Tasten, so genannte Registrations, zu drücken intus habe, dann, ja dann klingt der Oldie wie Anno Dazumal.

Aber! Aber ich bin ja kein Alleinunterhalter in einem Altersheim. Ich möchte Musik machen. Für mich! Wenn ich einen alten Stones- oder Beatles-Titel hören will, dann leg ich eine LP auf den Plattenteller und schenk mir einen Bourbon ein.

Damals. Da war das anders. Zum Fünfuhrtee ging ich in eine Disko und da spielten ein paar Musiker und ich saß an einem winzigen Tisch mit einem riesigen Telefon und einer Nummerntafel und wenn ich Pech hatte, dann läutete das blöde Ding und eine ältere Dame am anderen Ende des Saals winkte, als wolle sie ein Taxi anhalten. 

Irgendwann war beim Fünfuhrtee kein Telefon mehr am Tisch, sondern eine Getränkekarte. Und für den Sound sorgte ein Hammondorgelspieler! Geil! Irgendwann kamen dann DJs auf die Bühne. Und Spotlights ohne Damenwahl.

Wer braucht noch Keyboards? Die Alleinunterhalter in den Altersheimen und das ist gut so. Für mich ist das Kapitel abgehakt. Ich habe es versucht. Ich bleib beim Klavier. Ich wiederhole jetzt die Stücke der letzten Jahre. Musik ist schon eine saugeile Sache!

PS: Nächstes Jahr werde ich 80. Saxofon? Ich überlege noch.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Hannes Hofinger

Hannes Hofinger (* 21. Dezember 1947 in St. Johann in Tirol) ist ein österreichischer Schriftsteller, Bibliothekar und Verleger. Hannes Hofinger ist Chronist und Heimatforscher und verlegt vor allem Kleinodien aus der Umgebung von St. Johann in Tirol.

Schreibe einen Kommentar