Günther Aigner
Unsere alpinen Sommer -
immer wärmer, immer sonniger,
immer höherer Luftdruck.
Analyse
Im Mai 2025 habe ich einen Blog-Beitrag verfasst, in dem ich dargestellt habe, dass es in Österreich seit Beginn der Wetteraufzeichnungen noch nie so warm und sonnig wie heute war. Als Beispiel brachte ich Messdaten des berühmten Observatoriums am Hohen Sonnblick (3.106 m), auf welchem seit 1887 täglich atmosphärenphysikalische Messungen vorgenommen werden. Bei der Auswertung der Daten zeigte sich eine erstaunliche Korrelation von Jahresmitteltemperatur und Sonnenscheindauer. Siehe dazu die Abbildung 1.
Abb. 1: Die Zusammenschau der Jahresmitteltemperaturen (rote Kurve) und der Sonnenscheindauer pro Jahr (orange Kurve) von 1887 bis 2024 – jeweils gleitende 30-jährige Mittelwerte. Daten: GeoSphere Austria (HISTALP). Grafik: Günther Aigner – ZUKUNFT SKISPORT.
Nach der Veröffentlichung dieses Artikels hat sich eine Reihe von Gesprächen ergeben, in denen auch die Entwicklung des Luftdruckes thematisiert wurde. Deshalb möchte ich in diesem Blog-Beitrag die Daten zur Entwicklung des Luftdruckes ergänzen. Vorab zur Klärung: Was interessiert eigentlich einen Skitourismusforscher der Luftdruck und der Sonnenschein? Nun, in Zeiten der flächendeckenden technischen Beschneiung gilt in den alpinen Destinationen die Formel: Sonnige Tage, viele Besucher. Der Luftdruck und die Sonnenscheindauer steuern die Umsätze in den alpinen Destinationen, vor allem im Sommer.
Luftdruck: Jahresvergleich seit 1887
In Abbildung 2 sehen wir die Entwicklung des mittleren Luftdrucks pro Jahr am Hohen Sonnblick. Dabei ist in den einzelnen Säulen des Charts die jährliche Abweichung vom mittleren Luftdruck der Jahre 1887 bis 2024 abgebildet, welcher 693,3 hPa beträgt. Deutlich erkennbar ist ein markanter Anstieg in den vergangenen 138 Jahren. Dabei finden wir die höchsten Werte in den vergangenen 35 Jahren, während in den 1910er-Jahren ein tieferer Luftdruck vorherrschte.
Die grüne Kurve zeigt das gleitende 30-jährige Mittel. Es zeigt sich – wie bei den Jahresmitteltemperaturen und bei der Sonnenscheindauer – auch beim Luftdruck ein Anstieg in zwei Wellen: In einer ersten Welle steigt das 30-jährige Mittel bis in die 1930er-Jahre an, macht dann eine Pause und klettert seit den 1970er-Jahren weiter stark nach oben.
Abb. 2: Die Abweichungen des mittleren Luftdrucks pro Jahr am Hohen Sonnblick (3.106 m) vom langjährigen Mittel von 1887 bis 2024. Daten: GeoSphere Austria (HISTALP). Grafik: Günther Aigner – ZUKUNFT SKISPORT.
Vergleich der Sommer seit 1887
Besonders deutlich zeigen sich die Veränderungen im Luftdruck in den Sommermonaten Juni bis August (Abbildung 3). Dieser Chart ist fast deckungsgleich mit der Entwicklung der Massenhaushalte der ostalpinen Gletscher. Man sieht die feucht-kühlen Sommer der 1910er-Jahre mit ihren stark positiven Massenbilanzen, die im 1920er-Vorstoß mündeten. Ebenfalls erkennt man die darauffolgende Erwärmung, welche in den 1940er-Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Danach kann man die Rudi-Carrell-Sommer der 1960er- und 1970er-Jahre erahnen, welche Rudi zu seinem Klagelied Wann wird’s mal wieder richtig Sommer veranlasst haben. Diese feucht-kühlen Sommer brachten gletschergünstige Massenbilanzen und legten die Grundlage für den 1980er-Vorstoß. Seit 1980 sind wir in neue, schwindelerregende Höhen vorgestoßen. Der Trend ist weiterhin leicht ansteigend.
Abb. 3: Die Abweichungen des mittleren Luftdrucks im Sommer (= Juni bis August) am Hohen Sonnblick (3.106 m) vom langjährigen Mittel von 1887 bis 2024. Daten: GeoSphere Austria (HISTALP). Grafik: Günther Aigner – ZUKUNFT SKISPORT.
Korrelation Luftdruck und Temperatur (Sommer)
Wie vermutet, zeigt sich zwischen dem Luftdruck und der Temperatur eine Korrelation. Die Abbildung 4 zeigt die Entwicklung am Hohen Sonnblick für die drei Sommermonate Juni, Juli und August. Man muss kein Statistiker sein, um die Korrelation zu erkennen. Das r² von 0,95 ist sehr hoch.
Abb. 4: Die Zusammenschau von Luftdruck (X-Achse) und Temperatur (Y-Achse) am Hohen Sonnblick während der Sommermonate Juni bis August von 1887 bis 2024. Daten: GeoSphere Austria (HISTALP). Grafik: Günther Aigner – ZUKUNFT SKISPORT.
Es ist offensichtlich, dass es seit Aufzeichnungsbeginn im Bereich der Ostalpen noch nie so warm und sonnig war wie heute – und dass der Luftdruck noch nie so hoch war. Vor allem in den Sommermonaten ist dieser Trend stark.
Befindet sich die Toskana nun in Tirol?
Ich habe diese Charts einigen Atmosphärenphysikern gezeigt, mit denen ich mich regelmäßig austausche. Sie führten an, dass sich der Jetstream (= ein starker, bandförmiger Westwindstrom) seit den 1980er-Jahren aufgrund der Klimaerwärmung polwärts verlagert habe. Gleichzeitig konnte sich der subtropische Hochdruckgürtel nach Norden ausbreiten. Mit anderen Worten: Der Alpenraum gelangte in den vergangenen Jahrzehnten vor allem im Sommer mit zunehmender Häufigkeit in den Bereich des Mittelmeerklimas. Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass sich die Toskana nun in Tirol befindet. In diesem Klima gibt es keinen Platz für Gletscher. Sie werden in den Ostalpen sehr wahrscheinlich bereits in wenigen Jahrzehnten abgeschmolzen sein – bis auf einige Eisreste.
In diesem Zusammenhang wäre natürlich die Beantwortung der Gretchenfragen interessant: Kann diese Nordausdehnung des subtropischen Hochdruckgürtels (zumindest teilweise) zyklischer Natur sein? Oder ist sie (fast) vollständig an den Anstieg der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre gekoppelt und wird sich deshalb weiter intensivieren?
Diese Fragen können ausschließlich Atmosphärenphysiker beantworten. Es wäre spannend, wenn sie im Kommentarbereich ihre Meinung darlegen.
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